Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 1 (April 1932)
- Article
- Der Untergang des Judentums [Rezension]
- Date
- 1932-04-01
- Page
- 67 (sequence 4)
- Language
- German
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..Der Untergang des Judentums" Richtung einer Auflockerung dieses Verhältnisses, bei selbstverständlichem Festhalten an der historisch-materialistischen Kernauffassung, ist wohl Engels in einem Brief vom 21. September 1890 gegangen, in dem geradezu von einer Wechselwirkung beider Gebiete aufeinander die Rede ist: ..Die ökonomische Lage ist die Basis, aber die verschiedenen Momente des Überbaus — politische Formen des Klassenkampfs und seine Resultate — Verfassungen, nach gewonnener Schlacht durch die siegende Klasse festgestellt usw. — Rechtsformen und nun gar die Reflexe aller dieser wirklichen Kämpfe im Gehirn der Beteiligten, politische, juristische, philosophische Theorien, religiöse Anschauungen und deren Weiterentwicklung zu Dogmensystemen, üben auch ihre Einwirkung auf den Verlauf der geschichtlichen Kämpfe aus und bestimmen in vielen Fällen vorwiegend deren Form. Es ist eine Wechselwirkung aller dieser Momente, worin schließlich durch alle die unendliche Menge von Zufälligkeiten sich als Notwendiges die ökonomische Bewegung durchsetzt/'*) Ähnliche Auslegungen der materialistischen Geschichtsauffassung finden sich bei ihren Begründern auch an anderer Stelle. Heller aber kennt nur den historischen Materialismus in seiner engsten Bedeutung. Und so wird diese eminent aufschlußreiche, fruchtbare Methode in seiner Hand viel eher zu einem Mittel der Wahrheitsverzerrung als der Wahrheitsfindung. Müßig zu bemerken, daß sie auch ihm viele gute, oft erstaunlich aufhellende Einzeldeutungen geschichtlicher Tatsachen erschließt, Schlaglichter, die geeignet sind, das Bedürfnis nach historisch-materialistischer Durchleuchtung der jüdischen Geschichte mit tauglicheren Mitteln zu wecken. Aber im ganzen genommen fehlt ihm jene heilsame Distanz zu seiner eigenen Forschungsart, die allein imstande gewesen wäre, aus einem Parteibuch ein Produkt wissenschaftlichen Ernstes zu machen. Durch mangelhafte Sachkenntnis, zweckhafte Ungenauigkeit, durch willkürliche Quellenbenutzung und gewaltsame Umbiegung auch des sprödesten Materials entwertet Heller seine Ergebnisse. Aber alle diese Einzelheiten bedeuten nichts gegenüber dem Umstand, daß die Beweiskraft der mühsam zusammengeholten Tatsachen selbst nicht zureicht, seine Grundthese zu stützen. Seine Grund these, die darin besteht, daß die Gleichung: .Judentum gleich ideologischer Überbau einer über die ganze Erde zerstreuten handeltreibenden Kaste" ohne Rest aufgeht, daß darum das Judentum im gleichen Zeitpunkt vom Schauplatz der Weltgeschichte zu verschwinden hat, in dem die Rolle seiner Träger in der Warenzirkulation ausgespielt ist. Setzen wir den Fall, die sehr angreifbare, oben in ihrer Einseitigkeit gekennzeichnete Geschichtsdarstellung Hellers träfe zu — was würde sie vom Wesen des Judentums aussagen? Welcher erklärende Wert käme ihr zu für die geistigen Phänomene dieser wundersamen Gemeinschaft, was könnte sie zum Verständnis der Kräfte des Verstandes und der Seele beitragen, die im Laufe der Jahrhunderte von ihr ausgegangen sind? Monopol des Warenhandels — bleiben wir einmal dabei, so sehr es schon im *) .,Der sozialistische Akademiker". I. Jahrg. (i8()5), Seite 352. 67