Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 1 (April 1932)
- Article
- Der Untergang des Judentums [Rezension]
- Date
- 1932-04-01
- Page
- 66 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895507-2895509-2902165--05700-2902250- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Eva Reichmann-Jungmann Welt erhalten hätten. In dieser Erklärung sei jedoch zugleich das Todesurteil für das Judentum enthalten: Da es mit der Gesamtheit seiner religiösen, geistigen und kulturellen Inhalte nichts anderes bedeute, als den ideologischen Überbau, der dem wirtschaftlichen Unterbau der handeltreibenden Kaste entspreche, so sei es in dem gleichen Stadium zum Untergang verdammt, in dem die Kaste auf Grund der wirtschaftlichen Entwicklung sich auflöse. Dieses Stadium aber sei nunmehr erreicht. In Westeuropa habe die vom Kapitalismus in die Höhe geworfene Bourgeoisie folgerichtig den Juden die Gleichberechtigung gegeben, nachdem sie selbst die Warenzirkulation mit unter ihre wirtschaftlichen Funktionen aufgenommen habe. Die Emanzipation bedeute aber Auflösung der Kaste und damit Untergang des Judentums. In Rußland habe das revolutionäre Proletariat die Auflösung der jüdischen Kaste dadurch in Angriff genommen, daß es die verelendeten, in ihren bisherigen wirtschaftlichen Funktionen zum überwiegenden Teile lahmgelegten jüdischen Massen zu Arbeitern und Siedlern zu machen im Begriff sei. Damit sei auch in Rußland, in jenem bisher unerschöpflich scheinenden Kräftereservoir des gesamten Judentums, sein Untergang besiegelt. „Die Verwirklichung des Fünfjahresplanes", schließt Heller (S. 288) den entscheidenden Teil seines Buches ab, „hat die Lösung der Judenfrage nicht nur in der Sowjetunion um mehr als ein Jahrfünft beschleunigt. Das große Werk, das da vollbracht wird, ist nur der Ausschnitt aus einem ungleich gewaltigeren Geschehen. Die fünf Jahre, die eine neue Welt im Aufbau sehen, sind in Wahrheit die letzten fünf Jahre der mehr als drei Jahrtausende währenden Geschichte des Judentums." Heller ist Marxist, seine Geschichtsauffassung, die des historischen Materialismus. Diese Feststellung enthält jedoch nicht viel mehr als ganz allgemein die Grundlage seiner wissenschaftlichen Methodik, die hier ausdrücklich anerkannt wird. Schon bei ihrer Anwendungsart, bei ihrem mehr oder minder „orthodoxen" Gebrauch beginnen die innermarxistischen Meinungsverschiedenheiten. So wenig es vor dem Forum der Wissenschaft — und der leninistische Marxismus legt auf seinen wissenschaftlichen Charakter ausschlaggebenden Wert — bedeuten kann, ob eine Theorie im buchstäblichen Sinne ihres Begründers angewandt wird oder nicht, so einleuchtend es grundsätzlich ist, daß eine Lehre erst durch die Denkarbeit mehrerer zu ihrer reinen Ausprägung gebracht wird, und daß eine worteklaubende Auslegung ihres ersten Niederschlags viel leichter zu einer romantischen Führermystik als zu einer Aufhellung des wahren Sinngehaltes führt, so sei doch hier erklärt: Es gibt keinen orthodoxen Marxismus in dem Sinne, daß der Grad der Orthodoxie sich nach dem möglichst schematischen, möglichst gradlinigen, möglichst engstirnigen Nachweis der Abhängigkeit des ideologischen Überbaus von dem materiellen Unterbau richtet. Weder Marx noch Engels haben ihre Geschichtsphilosophie in einem System zusammengefaßt. Ihre Bemerkungen darüber, die in ihrer Gesamtheit ein System ergeben — nur nicht ein so primitives, wie uns Heller glauben machen möchte — unterscheiden sich vielfach in bezug auf die Feststellung des Grades der Abhängigkeit zwischen materieller und ideologischer Sphäre. Mit am weitesten in der 66