Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 1 (April 1932)
- Article
- Der Untergang des Judentums [Rezension]
- Date
- 1932-04-01
- Page
- 65 (sequence 2)
- Language
- German
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Eva Reichmann-Jungmann: „Der Untergang des Judentums" liehen Standpunkt aus werten kann, wie er mag, muß man rechnen. Sie stellt das Problem. Der Konflikt zwischen Kommunismus und Judentum fügt der an tragischen Ereignissen so reichen jüdischen Geschichte ein Moment besonderer Tragik hinzu. Von jeher, seit den Tagen der Bibel bis zu der ideellen und politischen Auseinandersetzung unserer Tage, sind Juden Träger und Verfechter des sozialen Gedankens gewesen. Viel Haß, viel Verfolgung erwuchsen aus dieser starken und wesenhaften Beziehung; viel innere Festigkeit schenkte sie denen, die sich ihrer bewußt wurden. Und nun, da an einer Stelle der Welt zum erstenmal der Versuch gemacht wird, Sozialismus zu verwirklichen, da von diesem Zentrum her neue Kraftströme in die sozialen Bewegungen der Welt einmünden, um sie nach dem Vorbilde entscheidend umzugestalten — da wendet sich der sozialistische Verwirklichungsversuch gegen das Judentum. Der Konflikt zwischen Sozialismus und Judentum ist kein Konflikt der Ideen. Er ist ein Zusammenprall auf der politischen Ebene. Die reine Idee des Sozialismus — und der Kommunismus ist seinem Begriff nach nur eine Abart, eine Entwicklungsstufe des Sozialismus — enthält nichts dem Judentum Gegensätzliches, sondern vieles, was seiner Entfaltung entgegenkommt und was sie als wünschenswert erscheinen läßt. Der kommunistisch-bolschewistischen Praxis Rußlands war es vorbehalten, den Gegensatz zu schaffen, seiner Theorie, ihn zu begründen. Der Begründung dient das im Eingang genannte Buch. Schon sein Titel zeigt, bis zu welchem Grade der Ablehnung des Judentums die bolschewistische Ideologie ® 5 ( sich versteigt: sie behauptet seinen notwendigen Untergang und stellt ihre Politik in den Dienst dieser These. Dieser Radikalismus entspringt allerdings mehr dem Bedürfnis nach einer rabulistischen Terminologie als dem Zwange der Tatsachen. Folgen wir Heller in kurzem Abriß bei seinem Gang durch die jüdische Geschichte. Die Grundlage der gesamten Beweisführung bildet die Behauptung, daß die Juden von den Anfängen ihrer Geschichte an in ihren maßgebenden Schichten die wirtschaftliche Funktion des Warenhandels erfüllt haben. Schon als Nomaden seien sie, wie alle Nomadenvölker, Träger des damals primitiven Warenaustausches gewesen. Nach ihrer Seßhaftwerdung in Palästina habe die geographische Lage des Landes als eines Knotenpunktes der wichtigsten Handelsstraßen der Antike diese Disposition begünstigt, und schon der palästinischen Judenheit den Charakter eines vorwiegend handeltreibenden Volkes aufgeprägt. Durch solche natürlichen Produktionsbedingungen geformt, schließt Heller weiter, hätten sich die Juden, teils gezwungen, teils freiwillig, aus ihrer nationalen Gemeinschaft herausgelöst. Als Träger der Warenzirkulation hätten sie ihre Wanderungen durch die Welt angetreten und überall, wo sie sich niederließen, hätten sie nahezu ausschließlich die gleiche Funktion erfüllt. Diese einheitliche ökonomische Basis bilde zugleich die Erklärung für die Erhaltung des Judentums durch die Jahrtausende. Sie allein habe es möglich gemacht, daß die Juden, obgleich als Nation längst untergegangen, sich als handeltreibende Kaste inmitten einer vorkapitalistischen und daher noch nicht zu einer Entwicklung des Warenaustausches gelangten