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Der Morgen · 1932-04-01 · Heft 1 (April 1932) · p. 63

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 1 (April 1932)
Article
Das Reich [Rezension]
Date
1932-04-01
Page
63 (sequence 2)
Language
German
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Wilhelm Michel: „Das Reich" keit und Selbsthingabe beigetragen haben. Psychologisch könnte der Fall des Hielscherschen Reiches so liegen, daß da ein Kindheitstraum, ein Seelengesichtsich aus der Traumsphäre losgerissen hat und in den historisch-politischen Bereich eingebrochen ist; Ursage, deutsches Herz der Urzeit steigt auf und erträumt sich eine geschichtliche Zukunft als welt- und lebensbestimmende Macht. Es ist kein Zweifel, daß Hielscher da eine Saite anrührt, die in jeder gutgearteten deutschen Seele Widerklang erregen wird. Ein Deutscher würde sich schwer versündigen, würde er dem, was ihn aus der germanischen Sage und Frühgeschichte, aus den Jahrhunderten des alten Reiches an Kräften anspricht, sein Herz verweigern — oder gäbe er je die Hoffnung auf, daß Deutschland in Zukunft noch einmal bestimmter und unmittelbarer aus diesen Kräften leben werde als in den letzten hundert Jahren. Aber Hielscher lebt in dem furchtbaren Irrtum, daß zwischen dem Seelentum des Reiches und dem Seelentum der Christenheit (das er mit dem israelitischen Seelentum gleichsetzt) ausschließende Feindschaft herrsche. Wenn er „Gott" sagt, so meint er etwas wie den Shiwa der Bhagavad-Gita. Wenn er „Welt" sagt, so meint er jenes Meer in sich flutender und stürmender Kräfte, das Nietzsche verschlang, jenes unförmige göttliche Untier, dessen Wesen Macht ist und in dem es nirgends echte Widersprüche gibt. Wenn er für Luther eintritt, so meint er ausschließlich den Luther, der den unfreien Willen, den „verborgenen" Gott verkündigt und damit Sünde, Erlösung und Christentum ausstreicht. Es ist gar nicht die Frage, was Luther zu dieser phantastischen Umbiegung seines Meinens und Wollens sagt. Es ist nur die Frage, was die Wirklichkeit des Menschen sagt zu einem Satze wie dem: „Eine Welt, die immer und überall gotterfüllt ist, bedarf keiner Erlösung". Was spricht hier Anderes als das Nichtwissen um die schreckliche und wunderbare Tatsache, daß der Mensch, obwohl er mitten in der Gottesfülle lebt, aus ihr herausfallen kann in ein finsteres Abseits, wo nicht Fülle ist, sondern bittere tödliche Armut? Und daß dieses Herausfallen seine einzige, ewige Gefahr ist, sein typisches Erlebnis, sein unausweichlicher Wegbeginn — dergestalt, daß man überhaupt nur dann vom wirklichen Menschen redet, wenn man von dem Herausfallen aus der Fülle und von der Erlösungsbedürftigkeit redet? Hielscher sagt: „Wessen Gebet noch zu bitten weiß, der gehört nicht zum Reich. Wie sollte der bitten können, der an der Fülle Gottes teilhat?" So sieht er also zu Menschen des Reichs nur die „Unbedürftigen" erwählt, in denen die alte Einheit nie zerbrach — und weiß nicht, daß er damit ins Nirgendwo gerät, bestenfalls in eine verschüttete Urwelt, lang vor dem Sturz des Saturn und vor den Drachenkämpfen der Babylonier, lang vor der Verweisung der erdmütterlichen Erinnyen ins unterirdische Reich; in eine Urwelt, mit der wir eine letzte Verbindung nie verloren haben, auch nie verlieren dürfen, deren Kräfteordnung aber durch einen nicht umkehrbaren Strukturwandel des Menschen im vollen geschichtlichen Ernst aufgehoben und durch eine auf Bruch und Spannung gestellte Ordnung ersetzt ist. 63

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