Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 1 (April 1932)
- Article
- Das Reich [Rezension]
- Date
- 1932-04-01
- Page
- 64 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895507-2895509-2902164--05696-2902248- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wilhelm Michel: „Das Reich" Man sieht durch Hielschers Buch an manchen Stellen eine Frau gehen- Er spricht von ihr wie ein Troubadour. Sollte nicht das Glück einer Liebe diesen Dichter mit einem Einheits-Erlebnis so überströmt, so begnadet haben, daß er für ewig und konstitutionell hielt, was Geschenk auf Augenblicke oder auch Jahre ist und dann nur durch Wiedergeburt in die Dauer gerettet werden kann? Hielscher löscht in seiner Geschichte des „Reichs" die Erscheinung Christi aus. Er schreibt bei einer Zeitangabe nicht .,660 vor Christus", sondern er schreibt „660 vor o". Christus ist ihm der Nullpunkt. Aber Christus ist genau der Punkt, wo der europäische Mensch, nachdem er den großen Bruch erlitten und die hellenisch-antike Gestalt unwiederbringlich verloren hatte (man lese wieder einmal die Briefe Julians des Apostaten!), zu einer neuen, den inneren Sprengkräften gewachsenen Gestalt kam. Der Traum bewegt sich frei, weil nicht mit dem Schicksal wirklicher Menschen beladen, zu den verscherzten Paradiesen zurück. Aber durch die Geschichte blitzt das Schwert der Entscheidung. „Der Untergang des Judentums"1) Von Eva Reidunann-Jungmaim „Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Kommunismus". — Dieses Wort, mit dem Karl Marx sein komm im istisches Manifest einleitet, gewinnt neue Gegenständlichkeit bei einem Blick in die deutschjüdische Presse unserer Gegenwart. Man setze statt „Europa" „Judenheit", und man ist versucht, mit einer entsprechenden Feststellung die Fülle der Auseinandersetzungen, die man allerorten antrifft, zu erklären. Doch ebensowenig wie Marx mit seinem Satz den Gesetzen der Kausalität zu entfliehen suchte, tritt diese "Versuchung an uns heran. Wir stellen uns dem Gespenst, ob sich ein Geist oder ein Ungeist darin verberge. Die Erörterung über das gegenseitige Verhalten von Kommunismus und Judentum ist der geistige Niederschlag des politischen Ringens unserer Tage. Der Radikalisierungsprozeß läßt, soweit er mit allen anderen deutschen Schichten auch die deutschen Juden und unter ihnen besonders die Jugend erfaßt hat, infolge der judenfeindlichen Festlegung der radikalen Rechten im Wesentlichen nur eine Entscheidung zu: Die Entscheidung für die radikale Linke. Mit dieser Sachlage, die jeder von seinem persön- *) Betrachtungen zu dem gleichnamigen Buche von Otto Heller (Verlag für Literatur nnd Politik). 64