Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 1 (April 1932)
- Article
- Das Reich [Rezension]
- Date
- 1932-04-01
- Page
- 62 (sequence 1)
- Language
- German
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„Das Reich" Von Wilhelm Midiel1) Hielschers Buch „Das Reich" gilt als die radikalste Fassung des neudeutschen Nationalismus. Er selbst wehrt sich gegen diese Bezeichnung, aber sie ist von heutigen Zusammenhängen her nicht gut anders zu fassen. Hielscher steht in schroffem Gegensatz zur Rassenlehre eines Günther, eines Hauser, die er als „die läppischste unter allen westlichen Kehrichterscheinungen" ablehnt. Denn er glaubt an die nationbildende Macht des „Seelentums", der inneren Entscheidungen, die einen Menschen, er mag stammhaft so oder so verwurzelt sein, zum Angehörigen des „Reiches" oder des „Westens" machen. Er verwirft die Hitlerbewegung und den Nationalsozialismus mit derselben Entschiedenheit wie den Kommunismus. Er faßt den Gedanken des „Reiches" so grundsätzlich, so metapolitisch, daß Zweifel berechtigt sind, ob es sich hier überhaupt noch um eine im geschichtlich-politischen Raum lebende Idee handelt und nicht vielmehr um eine apokalyptische Endvision, um ein goldenes Zeitalter der Zukunft, um ein in die Wolken gebautes Utopien. Zum Christentum verhält sich das Buch völlig ablehnend. Es sieht Christi Lehre in engem Zusammenhang mit dem Judentum, durchwirkt von dessen Leitgedanken: Scheidung zwischen Gott und Welt, Sittlichkeit, Sünde, Erlösung. Zu seinem Begriff des „Reiches" gibt Hielscher kaum eine formulierte, aber zahlreiche mittelbare Bestimmungen. So die Abgrenzung gegen den „Westen": Die Menschen des Reiches glauben an den unendlichen Gott, die des Westens an den unendlichen Stoff. Der Weimarer Staat ist Westen, das wühelminische Deutschland ist Westen, Hindenburg ist Westen (mit Reverenz vor seiner unangreifbaren Persönlichkeit). Zum Reich gehört der Baalschem, als Verkündiger der mystischen Einung zwischen Gott und Mensch, so gut wie der Meister Eckhart. Das Reich ist der Täter Gottes und der Wissende Gottes; "Vereinigung von Innerlichkeit und Macht; so daß Luther und Friedrich der Große, Armin und Eckhart, Goethe, Fichte und Bismarck und Nietzsche Genossen des gleichen Werkes im Sinne des Reiches sind. Hielschers Idee des „Reiches" hat zur historischen Wurzel wohl das alte deutsche Kaisertum, gesichtet von Theoderich, erfüllt unter den Hohenstaufen (wobei „Karl der Schlächter" als der große Reichsverräter nebenaus fällt). Aber, wie schon gesagt, das „Reich" hebt sich bei Hielscher zusehends aus dem historischen Raum heraus und wird zu einem umleuchteten Orplid und Avalun, zu dessen Aufbau alle ritterlichen Kräfte der deutschen Seele, aller Geist deutscher Tapfer- *) Friedrich Hielscher: „Das Reich", Verlag Das Reich, Berlin 1981. 62