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Der Morgen · 1932-04-01 · Heft 1 (April 1932) · p. 58

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 1 (April 1932)
Article
Jüdisches Mittelalter in Frankreich und Deutschland
Date
1932-04-01
Page
58 (sequence 4)
Language
German
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Ludwig Rosenthal und Haß tue ab von dir; sei still, wenn man dich schmäht. — Sprich nicht: ich werde das Böse vergelten! Hoffe auf Gott, er wird dir helfen". Auch über die Pflichten von Mensch zu Mensch finden sich goldene Worte im Buch der Frommen. „Im Verkehr mit Nichtjuden befleißige dich derselben Redlichkeit wie mit Juden. Mache den Nichtjuden auf seinen Irrtum aufmerksam; besser, du lebst von Almosen, als zur Schmach des Judentums und des jüdischen Namens von Geld, das dir nicht zugehört. — Von Frommen, die Gutes getan, sie seien Juden oder Christen, soll man sagen: sie seien zum Guten gedacht!" Man muß sich die Zeit vergegenwärtigen, in der das geschrieben worden ist, die Entrechtung und den Haß, die damals in deutschen Landen auf dem jüdischen Namen lagen, um die Größe zu würdigen, zu der sich hier verinnerlichte Gottesschau und unbeirrbare Selbstzucht aus den Niederungen des Schicksals emporringt. — Wir haben soeben eine gewisse Gemeinsamkeit der religiösen Einstellung gestreift, in der sich das deutsche Judentum des Mittelalters mit seiner Umgebung seltsam berührt. Eine solche geistige Annäherung, und nicht nur das, sondern eine willige und stets wachsende Aufnahme der vom deutschen Heimatboden in die verschwiegenen Judenviertel dringenden Einflüsse können wir noch auf einem anderen Gebiete feststellen, das als Literaturgattung des jüdischen Schrifttums wohl nur eine sekundäre Bedeutung besitzt, aber für die soziologische Entwicklung des deutschen Judentums eine um so größere Rolle spielt. Das ist die jüdisch-deutsche Literatur des ausgehenden Mittelalters. Es ist eine der merkwürdigsten Tatsachen für die Anpassungsfähigkeit des jüdischen Stammes, daß selbst innerhalb der eng gesteckten Grenzen seiner bürgerlichen Heimat im Mittelalter deutsche Sprache, deutsche Sage und deutsche Sitte haben Eingang und Platz finden können. Wohl hat dieses Jüdischdeutsch oder Judendeutsch, das als fremde Bestandteile in der Hauptsache hebräische Elementarbegriffe und Ausdrücke des täglichen Lebens sowie wunderliche Verbindungen der hebräischen mit der deutschen Sprachform aufweist, in der Folgezeit sich sehr verschlechtert und ist vielfach in Rolle und Ruf eines minderwertigen Jargons herabgesunken. Aber in seinem Ursprung und seinen Erzeugnissen aus dem i3. bis zum 16. Jahrhundert bringt uns dieses Jüdischdeutsch den überraschenden Nachweis, nicht nur wie tief das Judentum auf deutschem Boden in Wesen und Sprache des deutschen Volkes eingedrungen ist, sondern auch mit welcher ebenso großen Zähigkeit wie Fügigkeit es das auf deutschem Boden Erworbene treu und sicher 58

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