Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1932-04-01 · Heft 1 (April 1932) · p. 57

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 1 (April 1932)
Article
Jüdisches Mittelalter in Frankreich und Deutschland
Date
1932-04-01
Page
57 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2895450-2895507-2895509-2902162--05687-2902241
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jüdisches Mittelalter in Frankreich und Deutschland Stärkeres Interesse beansprucht eine andere Literaturgattung jener Zeit, weil sie, an sich unoriginell, eben doch aus den Zeitläuften herausgeboren erscheint und ein seltsames Widerspiel zum damaligen Schicksal der Juden bietet. Das ist die ethische Literatur dieses Zeitalters, verbunden mit einer mystischen Hingabe an das Wort Gottes und in den göttlichen Willen. Es ist nicht die kühle Mystik orientalischer Herkunft, die mit Zahlen- und Buchstabenspiel hinter die Rätsel des Seienden kommen wollte. Es ist auch nicht die leidenschaftliche Mystik Spaniens in der nachmaimonidischen Zeit, die sich gegen den Rationalismus erhob und die Religion mit den schützenden Mauern des Geheimnisses gegen das forschende Auge der Vernunft abzuriegeln gedachte. Es ist vielmehr die Mystik der Gottinnigkeit und Gottversunkenheit, der wir hier begegnen, des sich Zurückziehens aus aller irdischen Not und Nichtigkeit in ein Überirdisch-Göttliches; es ist das Auftauchen von Strömungen, wie sie im letzten Untergrund alles Religiösen schlummern und auch im Psalmisten zittern, wenn er fragt: „Wenn ich Dich nur habe, mein Gott, was gilt mir Himmel und Erde?" Sie ist ein Analogon zur deutschen Mystik des i3. Jahrhunderts: die gleiche Vertiefung ins Innerste der Religion, verbunden mit lauterer Frömmigkeit, Weitabgewandtheit und Verzicht, allerdings dort aus dem Einzelerleben, hier aus dem Volkserleben heraus geboren. So entsteht das Paradox einer inneren Verwandtschaft und verschwiegenen Beziehung beider Religionen zu einer Zeit, in welcher sie im öffentlichen Leben die feindseligste, schier unüberbrückbare Kluft voneinander schied — auch ein Symbol der Einheit und Verbundenheit des Geistigen in allem irdischen Zwiespalt und Wandel. Wie aus dieser Mystik der Quell einer reinsten Ethik, aus dieser „Gottesminne" die heilige Menschenliebe hervörströmt, das zeigt, neben vielen anderen jüdischen Moralisten, Jehuda ben Samuel, der, nach 1200 in Regensburg lebend, ein „Buch der Frommen" geschrieben hat. Er, der selber den Beinamen „Hechassid — der Fromme" trug, ist in der Verehrung der kommenden Generationen fast zu einer mythischen Person geworden. „Was heißt Frömmigkeit?" wird da gefragt und geantwortet: „Täglich sich üben im Enthalten von dem, wozu Leidenschaft und böser Trieb den Menschen leiten, wie verleumden, leeres Geschwätz, Lügen, Neuigkeiten umbertragen und derlei Nichtstun. — Auch der Frömmste hat keinen Anspruch auf göttliche Belohnung; lebte er auch tausende von Jahren, er kann nicht die kleinste der unzähligen Wohltaten vergelten, die Gott ihm erzeigt — Wer Erbarmen mit den Menschen hat, dessen erbarmt sich Gott. — Neid 57

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.