Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 1 (April 1932)
- Article
- Jüdisches Mittelalter in Frankreich und Deutschland
- Date
- 1932-04-01
- Page
- 59 (sequence 5)
- Language
- German
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Jüdisches Mittelalter in Frankreich und Deutschland festgehalten hat. Das in der Verkehrssprache der Deutschen längst aufgegebene Althochdeutsch und Niederhochdeutsch hat das Jüdischdeutsch in überraschender Deutlichkeit aufbewahrt und es auf seine Wanderzüge nach dem Osten mitgenommen. Ebenso ist es der deutschen Sprachwandlung nachgefolgt, hat Mittelhochdeutsches und Neuhochdeutsches in sich verarbeitet und bietet somit für die deutsche Sprachforschung eine zuverlässige und unerschöpfende Fundgrube dar. Den Stoffen nach beginnt die jüdisch-deutsche Literatur, das ist ein ganz naturgemäßer Vorgang, mit der Bibel. i534 war die Luthersche Bibelübersetzung vollendet; schon im gleichen Jahre erschien ein jüdisch-deutsches Wörterbuch zur Bibel und sechs Jahre später die erste jüdisch-deutsche, in Cremona gedruckte Pentateuchübersetzung. Wir können bei der jüdischdeutschen Arbeit der Bibelübertragung denselben Weg verfolgen wie bei der deutschen vor Luther: den Historienbibeln folgen die Glossenbibeln und diesen die Reimbibeln. Von den letzteren ist bemerkenswert die in der Nibelungenstrophe gereimte Übersetzung der Bücher Samuel und Könige, i543 in Augsburg gedruckt. Eine weitere besondere Note erhält dieses Schrifttum in seiner Ausgestaltung für Frauen und von Frauen. Unter dem Titel „Zeena- Ureena — Geht hinaus und schaut (ihr Töchter Jerusalems)" ist eine jüdischdeutsche Frauenbibel aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts mit vielem Beiwerk aus der rabbinischen Literatur eines der populärsten Bücher des jüdischen Hauses geworden. Rösel Fischeis in Krakau hat um dieselbe Zeit die erste gereimte Psalmenübersetzung herausgegeben. Ihr folgte, bei der sich nun erweiternden Stoffauswahl, 20 Jahre später die gelehrte Frau Rebekka Tiktiner mit der Übersetzung des philosophischen Werks „Herzenspflichten' — gewiß kein geringes Zeugnis für die geistige Bedeutung der deutsch-jüdischen Frau schon vor mehr als drei Jahrhunderten. Der gesamte Kreis der deutschen Volksbücher, und das ist das bezeichnendste, tritt schließlich in das Arbeitsfeld des jüdisch-deutschen Schrifttums. Till Eulenspiegel und König Artus Hof, die Erzählung von Dietrich von Bern wie die von Ritter Siegmund und Magelone, Floris und Blanchefleur wie Tausend und eine Nacht. Der jüdische Volksgeist hat, in seiner uralten Lust am Fabulieren, begierig die Mären und Geschichten seiner Umgebung in sich aufgenommen und von ihnen sich durchtränken lassen — bei aller Fremdheit und Abstoßung, die ihm Gesetz und dumpfe Unsitte zeigten, spürte er das Weben der gleichen Seelen und die Nähe der gleichen Menschlichkeit 59