Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 1 (April 1932)
- Article
- Jüdisches Mittelalter in Frankreich und Deutschland
- Date
- 1932-04-01
- Page
- 56 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895507-2895509-2902162--05686-2902240- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ludwig Rosenthal nis angebahnt und weit über den Kreis seiner Glaubensgemeinde hinausgefördert. Nicolaus de Lyra, einer der bedeutendsten christlichen Exegeten in der ersten Hälfte des i4- Jahrhunderts, bekennt offen, daß er durch Raschi zur sprachlich-sachlichen Erklärung des einfachen Schriftsinns, als der wichtigsten und notwendigsten aller Erklärungsmethoden, gekommen sei. In Deutschland und seinen Nachbarländern hatten sich mit Ende des 11. Jahrhunderts jene wirtschaftlichen Nöte und religiösen Strömungen entfaltet, aus denen die Kreuzzüge hervorgegangen sind. Sie waren für die Juden der Beginn ihrer härtesten Leidenszeit. Der Weg der Kreuzfahrer den Rhein herauf über Trier, Speyer, Worms, Mainz, Köln färbt sich in den Maitagen des Jahres 1096 .mit jüdischem Blut; die Hilfe, die Kölner Bischöfe den Kölner Juden angedeihen ließen, indem sie sie aus Köln entfernten und in die Umgegend verteilten, war nur ein kurzer Aufschub der letzten Not. Was vermochte der Gerechtigkeitswille einzelner gegen die aufgewühlte Gier und Leidenschaft der Massen! Und es blieb für das Judentum nicht beim Märtyrertum der Stunde, das tausend und abertausend Opfer forderte; es folgte das Martyrium der Jahrhunderte in Deutschland, Frankreich und England, Vertreibungen und Talmudverbrennungen, Kammerknechtschaft und Judenabzeichen, Anklagen wegen Bandermord, Hostienschändungen und Brunnenvergiftungen mit all ihren Schrecken und Qualen. In diesen dunklen Zeiten finden wir emsigste und intensivste Beschäftigung mit geistigen Dingen bei den deutschen Juden, nicht nur einer bestimmten Klasse, sondern als die volkstümlichste und allgemeinste Angelegenheit, als einziges Licht in dieser finsteren Nacht und als stärkste Kraftspende in ihrem Druck und Leid, dem nur aus sittlich-religiösen Quellen das Gegengewicht gehalten werden konnte. Zwar Neues entsteht nicht viel; aber das Alte wird ausgeschöpft und ausgeprobt bis in seine letzte Tiefe. Im Anschluß an den großen Talmudkommentar Raschis setzt eine liebevolle, bisweilen haarscharf zugespitzte oder auch kraus verschnörkelte Kleinarbeit ein in den Tossafoth, den „Zusätzen" zu diesem Kommentar. Dazu treten zahllose Gutachten, Superkommentare, Sammlungen, Auszüge, Zusammenstellungen des ganzen religiösen Materials in Kultus und Ritus. Aus der unübersehbaren Fülle der damit befaßten Gelehrten nennen wir Ascher ben Jechiel (i2 5o—1327) als die bedeutendste rabbinische Autorität des deutschen Mittelalters. Allerdings hat er erst nach der Flucht aus Deutschland die Höhe seiner Bedeutung und Anerkennung erreicht. 56