Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 1 (April 1932)
- Article
- Die griechische Weltanschauungslehre bei Juden und Römern
- Date
- 1932-04-01
- Page
- 53 (sequence 12)
- Language
- German
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Die griechische Weltanschauungslehre hei Juden und Römern nur die Weltanschauungslehre übrig. Auch sie hat im Orient keine „Wiedergeburt" erlebt, sondern eher eine Vermählung mit der Seele der Völker; und diese hat sich wohl als noch selbständigerer Ehepartner erwiesen als der römische Geist, der doch auch die Gaben der hellenischen Musen nicht ungeprüft und ungeändert auf sich wirken ließ. Aber diese Selbständigkeit besteht im Orient, wie in Rom, weit eher in der Behauptung eines geschichtlich begründeten Lebenstypus als im Festhalten an einem System eindeutiger, unveränderlicher Lehrsätze. Wohl wurde im Judentum der Versuch gemacht, den Lehrinhalt unter griechischem Einfluß festzulegen: in den i3 Glaubensartikeln des Maimuni; und wäre er geglückt, dann wäre allerdings eine „Verewigung und Konservierung" der jüdischen Religion die Folge gewesen. In Wahrheit aber hat auch dieser bedeutendste und anerkannteste Denker des jüdischen Mittelalters weder seine Vorgänger verdrängen noch che Kritik seiner Nachfolger an seinem System und an seiner Fassung der Glaubenslehren verhindern können; trotz des Offenbarungsglaubens, trotz der zweifellos stärkeren konservierenden Richtung des Orients blieben daher dem Juden, auch dem hellenisch geschulten, nach wie vor sehr verschiedene, durch Autoritäten gestützte Stellungen zu den letzten Lebensfragen möglich; es bleibt ein erstaunlicher Abstand zwischen Saadias Lehre von Gott als Weltschöpfer und Gersonides' Annahme einer letzten Ursache, die fast nur mittelbar auf das Irdische wirkt, zwischen Jehuda Hallevis Wertschätzung des Übernatürlichen und des Rituellen und der geringen Bewertung der reinen Ritualgesetze bei Ibn Daud und Maimuni. Schon wegen dieser tiefgehenden Unterschiede, die durch harmonistische Erklärer nur ganz unbedeutend gemildert werden konnten, hat die Aufnahme der griechischen Weltanschauungslehre im Judentum keine Dogmenbildung zur Folge gehabt, wie im Katholizismus; es gibt kein jüdisches System, das dieselbe Anerkennung gefunden hätte, wie etwa der Thomismus; und selbst zur Bildung von Schulen, wie sie im Islam aufkamen, zeigen sich hier nur schwache Ansätze. Der Segen, wie die Gefahr, die dem Judentum des Mittelalters aus der Berührung mit dem Hellenismus erwuchs, liegt darin, daß er keine eindeutige, bequem zu übernehmende Lösung der Lebensrätsel lieferte, allerdings aber die Bewegung des Geistes lebendig erhielt und den Blick von den traditionell weiterwirkenden äußeren Ordnungen des religiösen Lebens auf die letzten Grundfragen und damit auf den Sinn der Religion überhaupt zurücklenkte. Mit dieser Erkenntnis rundet sich das Bild ab, das die Nachwirkung der griechischen Lebensanschauung bei Juden und Römern uns zeigt. Beiden 53