Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 1 (April 1932)
- Article
- Die griechische Weltanschauungslehre bei Juden und Römern
- Date
- 1932-04-01
- Page
- 45 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2895450-2895507-2895509-2902161--05674-2902229- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Cicero 1× ep/1024888
OCR text
Die griechische Weltanschauungslehre bei Juden und Römern Gefahren, die ihm aus dieser Differenzierungerwuchsen. Und es ist ihm auch gelungen, eine Abspaltung der besten von der Volkssache zu verhüten, wie sie sich vielfach etwa im Sufismus und in der deutschen Klassik vollzogen hat. Dies war zum großen Teil dadurch möglich, daß auch die hellenisch Gebildeten sowohl die Leiden ihrer Volksgenossen miterlebten wie deren rituell gebundenes Leben teilten. Als Historiker, Sitten- und Gesetzlehrer, ja, als religiöse Lyriker haben sie auch den Weg zu solchen Volksgenossen gefunden, in deren Händen sie ihre streng philosophischen Schriften vielleicht nicht einmal wissen wollten. Aus der bewundernden Lektüre dieser nichtphilosophischen Werke ergab sich aber ein dankbares Vertrauen zu dem Verfasser, das z. B. bei Maimuni der radikalen Verwerfung seiner Philosophie entgegenwirkte. Aber auch die Weltanschauungslehre selbst weiß man den nichtphilosophischen Kreisen nahe zu bringen, und zwar mit den gleichen Mitteln wie einst die Römer. Hatte das Genie eines Lucrez mit der künstlerischen Aufgabe gerungen, den spröden Stoff der epikureischen Naturphilosophie zum Gegenstand einer echten Dichtung zu machen, so stellt Gabirol die astronomischen Lehren vom Zusammenhang der Welt und die neuplatonische Intuition der letzten Einheit in einem Hymnus dar, dessen majestätisch-rätselvoller Ausdruck der überwältigenden Größe und der geheimnisvollen Tiefe des Weltbildes das würdigste Sprachgewand schafft, — dessen religiöse Wärme ihm den Zugang zur Synagoge eröffnete, wo es noch heute in der Nacht zum Versöhnungstag Tausende von frommen Betern in die Höhen andächtiger Betrachtung erhebt. Und wie Cicero in seinen rechtsphilosophischen Schriften griechische Metaphysik und Ethik derart mit römischem Wirklichkeitssinn mischt, daß auch dem echten Römer die stoischen Gedankengänge vertraut klingen, so sind Bachjas „Herzenspflichten" zum jüdischen Volksbuch geworden, da in ihnen die griechische Philosophie doch nur dem jüdischen Streben nach Sittenreinheit und Gottesnähe die Schwinge leiht; zu der philosophischen Grundlegung jüdischer Pflichterfüllung, wie sie Maimuni seinem Handbuch der jüdischen Pflichtenlehre voranstellt, griff auch der Talmudist, dem dies Handbuch zum unentbehrlichen Hilfsmittel geworden ist. Allein nicht immer bedurfte es solcher Näherbringung der Philosophie; das weltanschauliche Interesse der Juden schuf auch den rein wissenschaftlichen Büchern eine Volkstümlichkeit, wie sie in Rom philosophische Schriften nie besessen haben; vielfach las man sie in hebräischen Übersetzungen, die das dem Volksgeist Fremde umformten und zurückdrängten, womöglich mit Kommentaren harmonistischer Art; daher drang die griechische Welt- 45