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Der Morgen · 1932-04-01 · Heft 1 (April 1932) · p. 44

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 1 (April 1932)
Article
Die griechische Weltanschauungslehre bei Juden und Römern
Date
1932-04-01
Page
44 (sequence 3)
Language
German
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I. Hernemann allgemeinen mit dem Wurzelgrunde der Gemeinschaft, Volksgeschichte, Volksbrauch, Volksglaube besonders stark verwachsen, sie waren daher als Führer zum Gemeinschaftswillen besonders tauglich. Es fehlte ihnen überdies jener hellenische Subjektivismus, jene Freude an persönlichem, individuellem Wirken; nicht das Eigenartige, sondern das Schaffen aus dem Gemeinschaftsgeist und für die Gemeinschaft begründet hier das Selbstgefühl des Menschen. Wohl heben sich manche Persönlichkeiten, wie Hillel und Schammai, voneinander ab; aber es fehlt im Judentum insbesondere der literarische Ehrgeiz, der Wunsch, seine Eigenart durch Bücher der Nachwelt zu erhalten; aus der Blütezeit des Rabbinismus besitzen wir größtenteils nur anonyme Zusammenstellungen von Traditionen, nicht Bücher mit subjektivem Gepräge. Das ändert sich völlig, sobald ein Teil der Gemeinschaft volksfremde Bildungsstoffe aufnimmt, und zugleich von dem Geiste des hellenischen Subjektivismus berührt wird. Alsdann erwuchs auch hier ein gewisser Abstand der Bildungsschichten und ein neues Persönlichkeitsgefühl. Die philosophisch Gebildeten mußten sich einerseits distanziert fühlen von ihren wissenschaftlich ungebildeten Volksgenossen, andererseits eingeordnet in die internationale Welt methodisch denkender Menschen. Im antiken Judentum wird diese Scheidung durch sprachliche Unterschiede verschärft. Jeder gebildete Römer der frühen Kaiserzeit sprach lateinisch und griechisch; dagegen zerfiel das Judentum in der Hauptsache in Gruppen mit semitischer und mit griechischer Muttersprache; einem Philon ist das Hebräische so fremd, daß er weder das biblische Ideal der Heiligkeit, noch, dank der freien Übersetzung der Septuaginta, das Bundesverhältnis zwischen Gott und Menschen kennt; und wie ihm die grundlegenden Begriffe der palästinischen Frömmigkeit fremd sind, so ist der Logosbegriff, der im Mittelpunkt seines Systems sieht, im Hebräischen überhaupt nicht einwandfrei wiederzugeben. Aber selbst im Mittelalter, in welchem die Führer der philosophischen Bewegung die Sprache und das Schrifttum ihres Volks voll beherrschten, macht sich nicht selten eine Differenzierung der philosophisch Gebildeten und ein Selbstgefühl geltend, das im reinen Rabbinismus kaum eine Analogie findet. Nach Gabirol steht der Denkende so hoch über der Masse wie der Mensch über dem Tier; und der große Maimuni, persönlich im Verkehr mit Gleichstehenden ein Mann von rührender Bescheidenheit, verrät da, wo er für das Volk schreibt, ein starkes, manchmal verletzend wirkendes Distanzgefühl, wie wir es von den kühnen Begründern des griechischen Denkens kennen. Leidenschaftlich ringt der gesunde Organismus des Judentums mit den 44

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