Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 1 (April 1932)
- Article
- Die griechische Weltanschauungslehre bei Juden und Römern
- Date
- 1932-04-01
- Page
- 46 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895507-2895509-2902161--05675-2902230- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
I. Heinemann anschauungslehre derart in die Volkstiefe., daß philosophisch gefärbte Gebete gar nicht selten sind; findet sich doch z. B. in der ersten Strophe des beliebtesten Freitag-Abend-Liedes der Satz des Aristoteles, daß das zuletzt Geschaffene (nach Gen. 2, 1 ff. der Sabbat!) das zuerst Erdachte und daher das Ziel der Schöpfung ist. Weit bedrohlicher als diese Gefährdung der Volkseinheit machten sich aber die inneren Schwierigkeiten geltend, die den Vertretern des jüdischen und des römischen Hellenismus aus ihrer Aufgabe erwuchsen. Diese Schwierigkeiten sind zunächst rein methodischer Art. Der LU-sprüngliche Weg des Römers wie des Juden — oder doch der besten Männer des Volkes — war, wie wir wissen, vom Partikularen zum Universalen gegangen; aus dem Gemeinsinn gingen übernationale Werte fast mit Notwendigkeit hervor. Weit schwieriger war es, vom Universalen aus nicht nur das Recht des Volkes und des Volklichen theoretisch zu begründen, sondern auch die Hingabe an Aufgabe und Wesen der eigenen Gemeinschaft von hieraus abzuleiten, wie die Hellenisten es wollten. In Rom tritt auch diese Schwierigkeit weniger deutlich hervor, weil der alte Gemeinsinn infolge der Ausdehnung des Reiches und des Übergangs zur monarchischen Staatsform ohnehin stark verblaßte und den Muttergrund menschheitlicher Werte kaum mehr bieten konnte. Sehr lehrreich aber scheiden sich im Judentum, zumal im Mittelalter, jener alte Weg vom Geschichtlichen, Volklichen zu menschheitlichen Werten, wie der Rabbinismus ihn geht, und jener neue vom Universalen zum Partikularen, den die jüdischen Hellenenfreunde einzuschlagen versuchen. Wenn die Rabbinen um die wunderbaren Erlebnisse der Volksgeschichte den Mantel erbaulicher Sagen woben und etwa den Ritus häuslicher und synagogaler Feiern ausbauten und vertieften, um Gemeinsinn und religiöse Kraft, Familiensinn und Wohltätigkeit in die Herzen zu pflanzen, so war diese volksbildnerische Aufgabe gewiß nicht leicht, aber doch möglich, und sie ist trotz der Ungunst der Zeit zweifellos in weitem Umfang geglückt. Wenn dagegen die jüdischen Hellenisten eine abstrakte Glaubens- und Sittenlehre nicht bloß zu gelegentlicher Erläuterung ihrer Religion heranzogen, sondern zur Grundlage ihrer Lebensanschauung nahmen, so mußte notwendig das eigenartig Jüdische in Geschichte und Ritus zum bedrückenden Problem werden; auch wo seine nachträgliche Rechtfertigung gelang, konnte es keinesfalls jenen unmittelbaren Wert erlangen und zur Grundlage der Menschenbildung und des volklichen Selbstgefühles werden, wie im rabbinischen Judentum. 46