Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 1 (April 1932)
- Article
- Die Berufswahl der Jugend
- Date
- 1932-04-01
- Page
- 37 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Berufswahl der Jugend Umfange wird gestatten können, wenn es nicht hieran zugrunde gehen soll. Der Akademiker als — relative — Massenerscheinung innerhalb des deutschen Judentums stellt sozialökonomisch gesehen einen Luxus dar, den die wirtschaftlichen Grundlagen des deutschen Judentums nicht mehr zu tragen vermögen. Was bleibt? Für einen Teil unseres Nachwuchses zweifellos der Handel. Diejenigen weit- und volkswirtschaftlichen Entwicklungen, die dem Handel im eingangs charakterisierten Sinne den Boden entziehen, haben aber ein verhältnismäßig schnelles Tempo angenommen. Es ist nicht abzusehen, wie weit sich etwa dieses Tempo gerade in Deutschland noch beschleunigen wird, wenn der politisch und romantisch fundierte Grundsatz der Autarkie der deutschen Wirtschaft weiterhin an Boden gewinnt. Wir müssen aber unbedingt mit solchen Möglichkeiten rechnen und dürfen uns hier nicht blind stellen. Wird der Autarkie-Gedanke mehr und mehr verwirklicht, so muß das für den Handel im liberalen Sinne, also für den eigentlichen freien Handel, zu weiteren Beschränkungen seines Aktionsradius innerhalb der deutschen Gesamtwirtschaf l mit Naturnotwendigkeit führen. Die Chance, Juden in der bisherigen Weise als freie Handelsunternehmer tätig zu sehen, würde hiermit noch geringer werden, als dies ohnehin schon durch den allgemeinen Zug der weltwirtschaftlichen Entwicklung bedingt zu sein scheint, der den freien händlerischen Vermittler durch die gebundene Verteilungsorganisation zu ersetzen sucht und zwar gerade in den hochkapitalistischen Ländern und in ihrem Wirtschaftsverkehr miteinander. Wir werden also für den Teil unseres Nachwuchses, der in Handelsberufen tätig bleibt, nur in einer verhältnismäßig geringen Zahl der Fälle den freien Unternehmer des bisher überwiegenden Typus als berufliches Endziel aufzustellen haben. Wir werden statt dessen sicherlich ein stärkeres Eindringen von Juden in Angestelltenpositionen des Handels zu erwarten haben, also in eine sozial und wirtschaftlich im Durchschnitt bereits ziemlich gedrückte Schicht. Man darf ja nicht vergessen, daß ein großer Teil der deutschen Angestelltenschaft heute bereits völlig proletarisiert ist: daß die sozialen Grenzen zwischen Angestelltenschaft und Arbeiterschaft ganz verschwimmen. Die Angestelltenschaft versucht zwar mit großer Energie, sich klassenmäßig zu organisieren, und das Aufsteigen des Nationalsozialismus als politische Partei hat wohl seine stärkste soziale Wurzel in diesem Versuch der deutschen Angestelltenschaft, eine besondere Klasse zu werden. Freilich ist das bisherige Gelingen dieses Versuches keineswegs gleichbedeutend mit einem Schutz der deutschen Angestelltenschaft vor einer sehr weitgehenden Proletari- 37