Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 1 (April 1932)
- Article
- Die Berufswahl der Jugend
- Date
- 1932-04-01
- Page
- 34 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Alfred Marcus Warum sollte auch eine von Haus aus so begabte Schicht mit angeerbter geistiger Kultur und mit einem bisher ausgezeichneten wirtschaftlichen Durchschnitts-Standard solche nicht hervorbringen? Aber wir haben auf der andern Seite eine noch viel größere Anzahl jüdischer Menschen in geistigen Berufen, denen der soziale Geltungsdrang, sprechen wir es doch ruhig aus, durchaus das Primäre gewesen ist, als sie in diese Berufe hineingingen. Dieser soziale Geltungsdrang war ja auch nicht nur wirksam in dem Menschen, der sich schließlich dem geistigen Beruf selbst zuwandte, sondern er war häufig noch viel starker wirksam in seinem Vater, der ihn für einen solchen Beruf bestimmte und seine Lebensarbeit daran setzte, um dem Sohn so den Übergang zu einer höheren sozialen Stufe zu ermöglichen. Das ist menschlich begreiflich, um so mehr begreiflich, wenn man die gesellschaftliche Situation des deutschen Judentums während des ganzen hier in Frage kommenden Zeitraums, also etwa während der letzten 80 bis 100 Jahre in Betracht zieht. Aber wenn wir auch in diesem Sinne die Motive, die hier zweifellos sehr stark wirksam gewesen sind, zu begreifen wissen, so brauchen wir damit noch nicht zuzugeben, daß es sich hier wirklich und ausschließlich um einen, für alle Zeiten verbindlichen und aus dem Wesen des deutschen Juden nicht hinwegzudenkenden Vorgang gehandelt habe. Wir sind sogar der Meinung, daß es besser wäre, die gegenwärtige Umwälzung aller wirtschaftlichen Grundlagen, auf denen das deutsche Judentum bisher gestanden hat, damit aber auch die Revolutionierung seiner sozialen Schichtung, die sich anzubahnen scheint, zu einer Revision unserer bisherigen Haltung gegenüber den geistigen Berufen zu benutzen. Das heißt mit anderen Worten: Wir müssen uns die Frage vorlegen, ob wir dem seit Generationen im deutschen Judentum mächtigen Willen zum Eindringen in geistige Berufe weiterhin werden nachgeben dürfen, ob wir ihm weiterhin werden nachgeben können. Damit kommen wir zu einem der Hauptprobleme der Berufswahl unserer Jugend. Wie weit die Zersetzung des echten Strebens zum „geistigen Beruf*' durch Nebenmotive der sozialen Geltung und auch der sozialen Hilflosigkeit bereite gediehen ist, davon kann sich jeder überzeugen, der sich jemals im Laufe der letzten Jahre nicht nur jüdischen jungen Menschen, sondern auch gerade mit ihren Vätern über die Berufswahlfrage ausgesprochen hat. Wenn der Verfasser dieser Zeilen vor kurzer Zeit von einem Berliner jüdischen Kaufmann einen Brief erhielt, in welchem es wörtlich hieß: „Da A. (der Sohn) weder besondere 34