Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 1 (April 1932)
- Article
- Was kommt danach?
- Date
- 1932-04-01
- Page
- 13 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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„Was kommt danach?" den, staatlich aber notwendigen Beschränkung der individuellen Freiheit und des individuellen Interesses auf den verschiedensten Gebieten gezeigt hat), oder er mußte neuen Bewegungen weichen, die wenigstens den Versuch machten, solche Lehren aufzustellen. Denn jede Forderung von Freiheit setzt eine Bindung voraus, innerhalb deren sie gestellt wird — und diese nahm der Liberalismus als außerhalb seines Systems fest bestehend an. Wie es ihm deshalb mißlang, die nachdrängenden unteren Schichten in einem höheren Prinzip zu „binden" und andererseits der Ausübung der Macht feste und verbindliche Ziele zu weisen, so droht auch dem Judentum mit dem Fortschreiten der Wirtschaftskrise eine schroffe Trennung in Bürger und Proletarier, die seine bisherige politische Geschlossenheit spalten und damit seine Stellung noch weiter schwächen, wenn sie nicht gar zu einer Katastrophe führen müßte. Aus geistigen und politischen Gründen zugleich kann also nicht deutlich genug betont werden, daß der politische Liberalismus kein absolutes, sondern ein an eine bestimmte Schicht und an eine bestimmte zeitliche und soziale Situation dieser Schicht gebundenes, nicht aus sich selbst verstehbares System ist. An die Seite einer Betrachtung des Liberalismus nach Voraussetzungen und Tragweite als politisches System tritt nun noch die Auseinandersetzung mit ihm von dem Standpunkt jüdischer Lehre und Eigenart aus. Der Liberalismus erwies sich hier zunächst als geschickter Führer zur modernen Kultur hin. Seine Richtung auf den „Fortschritt" näherte sich dem weniger erdgebundenen, doch auch in die Zukunft (also in die Zeit) weisenden messianischen „Gerichtetsein" des Judentums, sein Prinzip der „Leistung", des „Erfolgs" berührte sich mit dem jüdischen der „Tat" wenigstens in der Auswirkung, so verschieden auch die Wurzeln sind. Der liberale Zug der „Bildung" verpflanzte das altjüdische „Lernen" nur auf ein anderes Gebiet, wo es zwar als „Wissen" zweckvoll wurde, als „Bildung" daneben aber einen darüber hinausgehenden, halbsakralen Charakter beibehielt. Endlich kommt der liberale Individualismus dem jüdischen Persönlichkeitsbegriff entgegen, der das Individuum als Ideenträger und Glied des Auserwählten Volkes vor immer neue persönliche Entscheidung stellt. Gleichzeitig jedoch hat er auch eine zentrifugale Tendenz befördert, die nun erst unter Druck und Lockung erschreckende Formen annahm. Der quantitative liberale Freiheitsbegriff endlich läßt sich mit dem qualitativen jüdischen nicht wirklich vereinigen, und ebensowenig die im Kampf gegen den christlichen Staatsbegriff entwickelte liberale Auffassung der Religion als „Privatsache". Ihre Unterscheidung zwischen Religion als Form („Kirche") t3