Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 1 (April 1932)
- Article
- Was kommt danach?
- Date
- 1932-04-01
- Page
- 12 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Hans Bach baren Haß an deren Stelle treten. Die gewaltsamen Pläne, die in der Gegenwart auftauchen, spiegeln (bei aller Bedingtheit auch von anderer Seite her) doch im Grunde das naive Eingeständnis, an einer reinlichen Lösung zu verzweifeln, — und ebenso auch die jüdischen, die sich ihr überhaupt entziehen wollen. Keine jüdische Mimikry, kein Anschluß bei einer Tagesströmung oder -gewalt bietet mehr Schutz; nur mutiges Bekenntnis zu sich selbst, nur eigenes lebendiges Leben kann sich die Achtung und Geltung wiedererobern, die allein Errungenes zu bewahren, neuen Raum zu erkämpfen erlaubt. Ist also nun das Kernstück der liberalen Lehre für das Judentum aufs stärkste (und wohl für immer) erschüttert, so erweist es sich als unerläßlich, die liberale Position als Ganzes auf ihre Tragweite hin und in ihren Berührungspunkten mit dem Judentum zu untersuchen. Die liberale Lehre ist oben mit den Worten „progressive Universal-Emanzipation" bezeichnet worden. Denn das Schicksal der in die gleichen Worte gefaßten, berühmten romantischen Formel für die Poesie hat sich schon viel früher erfüllt und hätte bereits zu nachdenklichen Betrachtungen Anlaß bieten können. Wie die Anschauung, daß sich aus allen historischen Dichtungsarten eine Art Weltsynthese der Dichtung bilden könne, daran scheiterte, daß sich Dichtung nie von ihren Vorbedingungen ablösen läßt, so scheitert auch die liberale Konstruktion einer „Menschheit" daran, daß sie — nun eben eine Konstruktion ist, ein rational-abstrakter Begriff, ein Ideal, dem in der Welt keine wirkliche oder auch nur mögliche Erscheinung entspricht. Denn der einzelne Mensch kann nicht Mensch sein, ohne zuvor Preuße, Deutscher, Europäer und Weißer zu sein, wobei jede folgende Stufe die vorhergehende voraussetzt und in sich schließt. Enthüllt sich also hier die liberale Lehre als zu abstrakt, um (sogar in unendlich langsamer Annäherung) Wirklichkeit werden zu können, so gibt anderseits erst die jetzige geistige und wirtschaftliche Krise den Blick ganz dafür frei, wie zeit- und lagebedingt die liberale Position war. Denn die liberalen Parolen (z. ß. „Auch die Leistung, der Erfolg adelt den Menschen") sind Kampfrufe gegen einen Staat und eine Gesellschaft, die nur Geburtsadel als Adel kannten und dem aufstrebenden Bürgertum den Zutritt zur Macht wehrten. Sie weisen keine Richtung mehr, was mit der Macht anzufangen ist, wenn man sie hat. Mit dieser Überlegung wird nochmals klar, daß der Liberalismus eine feste Macht voraussetzte, der er seinen Anteil abzuringen suchte; als diese Macht verschwunden war, mußte er entweder Gedanken entwickeln, die über ihn selbst hinauswiesen (was sich z. B. in der dem liberalen System zuwiderlaufen- 12