Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1932-04-01 · Heft 1 (April 1932) · p. 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 1 (April 1932)
Article
Was kommt danach?
Date
1932-04-01
Page
11 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895507-2895509-2902157--05635-2902195
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

„Was kommt danach?" Sozialismus zu denken, und seine Aussichten wachsen ebenso mit den geistigen und moralischen Anforderungen, die eine etwa länger dauernde Diktatur an ihn stellen würde, wie mit der Mißachtung wesentlicher Probleme und Strömungen, die einer Diktatur immer droht. Doch würde wohl auch im Falle einer rein sozial zunächst gelungenen Revolution der Sozialismus sich einer Ümprägung seiner Gedanken kaum entziehen können, die ihn von dem bolschewistischen Vorbild weit entfernen müßte. III. Die Juden aller europäischen Länder haben seit der Emanzipation im liberalen Bürgertum einen natürlichen Helfer und Schrittmacher für gemeinsame Interessen gefunden, der ihnen die Aufnahme der nationalen Kulturen ermöglichte und für ihre Eingliederung in diese mitkämpfte. Das wird immer ein hohes Verdienst bleiben und in objektiveren Zeiten, als es die heutige ist, auch vom Standpunkt der nationalen Einzelkulturen aus als große Leistung anerkannt werden. Die deutschen Juden selbst haben solche Dankbarkeit dafür gezeigt, daß sie auch jetzt noch am Liberalismus festhalten, trotzdem die Mehrzahl seiner eigentlichen bürgerlichen Träger ihn aufgibt und seine Voraussetzungen auch für die Juden selbst immer weniger gegeben scheinen. Das Ziel, das der Liberalismus dem Judentum im besonderen gebracht hat, kann in die Formel „progressive Universal-Emanzipation" gefaßt werden: die Hoffnung, in der deutschen Kultur aufgehen zu können, wenn es sich diese erst zu eigen gemacht hätte, ohne sich anders als religiös von der nicht jüdischen Umwelt abzuheben. Dieser Glaube hat größte, unverlierbare Einzelleistungen hervorgebracht. Die jüdischen Toten des Weltkriegs haben ihn mit ihrem Blut besiegelt. Aber er hat die deutschen Juden nicht nur auf die höchsten Höhen der Kultur geführt, sondern sie auch durch die tiefsten Niederungen jeder Modeströmung gerissen, weil sie aus der Angst heraus, nicht „zeitgemäß" zu sein, immer mehr die Verwurzelung in ihrem eigensten ursprünglichen Wesen verloren. Die Lösung der jüdischen Frage ist von der deutschen wie von der jüdischen Seite in einer möglichst starken Assimilierung gesucht worden und hat auf beiden Seiten zu dem gleichen negativen Erfolg geführt. Man schilt die Juden entwurzelt, nachdem man sie durch geistigen, gesellschaftlichen and sozialen Druck zu immer stärkerer Selbstaufgabe gezwungen hat; die Juden sehen enttäuscht die Anerkennung ihres leidenschaftlichen Bemühens um reibungslose Assimilierung in immer weitere Ferne entschwinden, ja offen- 11

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.