Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 1 (April 1932)
- Article
- Was kommt danach?
- Date
- 1932-04-01
- Page
- 7 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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„Was kommt danach?" Die Epoche, in deren Anfang wir stehen, trägt als Ganzes den Charakter der Restauration. Zunächst ist ein Nationalismus in den Vordergrund getreten, dessen Funktion vorläufig darin besteht, dem deutschen Bürgertum verschiedenster Schichten und Altersstufen, das unter dem Druck der Krise in seine Atome zu zerfallen drohte, in einem gemeinsamen Gedanken einen vorläufigen Halt gegeben zu haben, der ohne dauerhaft zu sein doch eine allzu stürmische Entwicklung abbremst. Ohne diese Auffangpartei stünde in Deutschland vielleicht schon kein Stein mehr auf dem andern. Nach der gedanklichen Seite hin sieht das Bild freilich ganz anders aus: Nationalismus ist mehr ein Gefühl als ein Gedanke und ist, ohne daß Gedanken hinzutreten, nicht einmal in bezug auf seinen eigenen Inhalt bestimmter Wertsetzungen fähig, wie alle Versuche „rein" nationaler Kulturpolitik beweisen. Vortrupp und Sprachrohr der Bewegung bilden Schichten, denen eine Verwurzelung überhaupt fehlt: Landsknechtsnaturen, die der Krieg aus ihrer Bahn gerissen hat, und Jugendliche, denen noch keine Eingliederung in das Gesamtwesen beschieden war. Ernst Jünger, einer ihrer Sprecher, charakterisiert sie: „Heute berauschen wir uns am Wein, morgen an der Macht". Geisteswissenschaftlich gesehen verleugnet die nationale Bewegung ihre Herkunft aus der Neuromantik nicht: sie ist ebenso rein voluntaristisch wie diese ästhetisch war, und ebenso frei von der Kontrolle durch ethische Vorstellungen. Dabei werden Reste liberaler Ideen mit völlig unliberalen Methoden verfochten. Die reine Gewalt als Selbstzweck soll, unterstützt von einer hemmungslosen Propaganda, einer Diktatur den Weg bahnen, von der man sich die Lösung aller Probleme verspricht; als deren dringendstes sieht man das Übervölkerungsproblem an. Daß dieses Problem in den Kreisen des neuen Nationalismus bei aller Wichtigkeit, die ihm tatsächlich zukommt, doch vor noch drängenderen den ersten Rang einnimmt, ist das Ergebnis einer neuen, räumlich gerichteten und irrationalen Sehweise, die jede Art von Geist als unlebendige Abstraktion ablehnt und an die Stelle des Denkens das „Schauen" immanenter Inhalte setzt. So entsteht ein „vegetatives", „biologisches" Denken, dessen Grundbegriffe „Rasse" und „Volk" werden, die nicht nach empirischen und gesetzmäßigen Merkmalen, sondern nach gefühlsmäßigen Wunschvorstellungen definiert sind und in mythische Abstraktionen münden, wie z. B. Kolbenheyers „Begriffe" der „biologischen Mächtigkeit" oder „plasmatischen Kapazität" und der „Ausdifferenzierung" eines Volkes, aus denen dann politisch imperialistische Schlüsse gezogen werden. Innenpolitisch aber stößt die Anwendung solchen Volksbegriffs auf Schwierig- 7