Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 1 (April 1932)
- Article
- Was kommt danach?
- Date
- 1932-04-01
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Hans Bach: „Was kommt danach?" sache übersehen, daß die alte Staatsidee ausgemerzt war und nur noch symbolisch in der Person des Reichspräsidenten verehrt wird: die Teilung der Gewalt zwischen Industrie und Bürokratie, ohne Plan und Geist, konnte nur formalistisch ungenügende Augenblickslösungen, aber keine neue Staatsidee schaffen. Statt der Freiheit hatte der Frieden für die Völker wie für den Einzelnen drückende Ketten ergeben, mit jedem Schein von Gleichheit räumten Inflation und Deflation auf. Die Wirtschaft und darüber hinaus das deutsche Bürgertum, das die politische Führung innehatte, haben es nur zu einem unverbindlichen nationalen Patriotismus, nicht aber zu einem Gemeingefühl gebracht, das sich in seinen Handlungen (und noch mehr in seinen Unterlassungen) von der selbstverständlichen Beziehung auf ein größeres Ganze, sei es Staat, Volk oder Nation, hätte leiten lassen. Dann wäre ihnen auch das Vertrauen nicht versagt geblieben, das nun einer herrschenden Schicht entzogen wird, die Erfolg als einzige Rechtfertigung betrachtet und deren Mißerfolge deshalb konsequent ihrem Denksystem zur Last gelegt werden, umsomehr, als sie es an geistiger Führung völlig fehlen ließ und nicht einmal verstand, ihre großen, aber dem Mann auf der Straße nicht bemerkbaren Leistungen im allgemeinen Bewußtsein zu verwurzeln. Gerade an diesem Punkt liegt das tragische Versagen des Liberalismus: generationenlang von der Teilnahme am eigentlichen Staatsleben ausgeschlossen, wußte er auch dann mit dem Staat nichts anzufangen, als dieser ihm offen stand. Daß er aber auch auf Erziehung verzichtete — das Prinzip, dem er selbst seinen Aufstieg verdankte —, ist nicht mehr Tragik, sondern Schuld: ein Volk, das außer der Sprache in allem: Landschaft, Religion, Rasse, Verfassungen und sozialen Formen — verschieden ist, wäre nur durch Erziehung zu einigen und zu festigen gewesen. Statt dessen wußte man weder mit der von Naumann eingeleiteten „nationalsozialen Bewegung;< noch mit dem Wort national mehr etwas anzufangen, sondern überließ Wort und Sache widerstandslos jedem, der sich ihrer bedienen wollte. So haben wir es weder staatlich noch menschlich zu einer Form gebracht, die auch von sich aus werbend hätte wirken können: kein unangefochtenes Symbol, keine selbstverständliche Tradition, keine vorbildliche Haltung sorgt für Stetigkeit und Sinn. Deshalb sind auch die Aufgaben unerfüllt geblieben, die alle Derartiges vorausgesetzt hätten: Reichs-, Wahlrechts- und Kartellreform, Strafgesetz und Reichsschulgesetz. Überdies sind Kraft und Wert des Individuums in immer stärkerem Maße geschwunden, in den Massen der Industriearbeitei wie in dem durch die Inflation ausgehöhlten Mittelstand: der ungelernte Arbeiter 5