Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1932)
- Article
- Zwischen Wittenberg und Rom [Rezension]
- Date
- 1932-02-01
- Page
- 521 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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„Zwischen Wittenberg und Rom" eine gewisse Ausnahme, und es ist darum kein Zufall, daß sich mit ihr jüdische Gedanken so oft verbunden haben. Denn das war eben das Eigentumliche, fast möchte man sagen, das Kopernikanische, das der jüdische Genius dem Erkennen gegeben hat: er hat vom Jenseitigen her begreifen gelehrt, indem er dieses als das Absolute, das Schöpferische, das Eine, das Göttliche begriff, von dem her alles Irdische, dieses Relative, erst seine Beziehung, seine Bedeutung und seinen Wert erhält. Hierin hat die biblische Schöpfungserzählung ihren eigentlichen und bleibenden Gehalt, durch den sie etwas ganz anderes ist als alle kosmogonischen Mythen. Sie ist daher doch wohl nicht so „unbedeutend, schwunglos und überlebt" wie Hellpach meint. Vielleicht hatte doch wohl eher noch Wilhelm Heinrich Riehl recht, als er, vor einem Menschenalter, in seinen „Religiösen Studien eines Weltkindes" das Kapitel über die Schöpfung mit den Worten schloß: .;So birgt die uralte Kindesweisheit des Volkes im Osten, welches von den Schöpfungstagen sang und sagte, denselben Lichtstrahl, zu welchem auch die moderne Wissenschaft des Westens aufblickt". Dieses ahnende Wissen um die Schöpfung ist aber nur in dem ahnenden Wissen um das Geheimnis gegeben, um dieses Letzte, das Letzte im Sinne des Weges und des Wertes, zu dem das Suchen und Forschen, das Erleben und Hoffen des Menschen immer hingelangt. Für die Philosophie ist das Geheimnis ein Grenzbegriff, für die Religion ist es der Mittelpunkt, der alles bestimmt und alles trägt; Schöpfung, Freiheit, Gebot und Offenbarung erhalten von ihm aus erst ihren letzten und eigentlichen Sinn. Im Gedanklichen ist es so und ebenso im Seelischen; Religionslosigkeit ist Geheimnislosigkeit. Der Bereich, in dem das Geheimnis erlebt wird, hat sich in der Gegenwart, wenigstens für den größten Teil der Menschen, verlegt oder verschoben. Der Mensch des Altertums wie des Mittelalters hatte es vornehmlich in dem Außerordentlichen und Ungewöhnlichen der Natur, in dem, was für ihn das „Wunder" war, erfahren. Durch die technische Eroberung weiter Erdbereiche ist zwar für den einen und anderen ein Neues an Geheimnis, für die meisten aber ein Verlust an Geheimnis bewirkt worden; das alte Wunder redet zu ihnen nicht mehr. Aber dafür ist jetzt das Geheimnis, das im Menschen wohnt, wieder lebendiger und vernehmbarer geworden. Sowohl für das Geheimnis gilt es, das aus der Individualität, aus der Persönlichkeit spricht, aus dieser Einheit von Gewordenem, Werdendem und Unvergleichlichem, für die heute die Tiefenpsychologie das Gehör schärfen könnte, als auch für jenes Geheimnis, das sich in der Gemeinschaft kündet, dieser anderen Einheit von Gewachsenem, sich Entwickelndem und ganz Be- 521