Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1931-10-01 · Heft 4 (Oktober 1931) · p. 376

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
7 (1931-1932)
Issue
Heft 4 (Oktober 1931)
Article
Die Schaustellung Gottes [Rezension]
Date
1931-10-01
Page
376 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2895450-2895499-2895504-2901777--05372-2901872
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Hans Bach Mensch, wie Gott (wenigstens der christliche und der aller höheren Religionen) handeln nicht vollkommen folgerichtig, logisch und mathematisch, sondern paradox und überlogisch". Daß göttliches Handeln und menschliches Denken „überlogisch" übereinzustimmen haben, versteht sich dabei von selbst. Kurzum, Friedell schätzt, wie man sieht, Spinoza so außerordentlich, daß er auf seinem Grab die ganze Logik wenigstens theoretisch zum Opfer bringt. Es wäre optimistisch, zu glauben, daß dieses vereinfachte System geistiger Hinrichtung Spinoza allein vorbehalten bliebe. In etwas anderer Form erweist sich die Taktik, den Gegner für geistig und seelisch krank, also für nicht vollwertig zu erklären, auch gegen größere „Komplexe" brauchbar. So weist Friedell darauf hin, daß das Mittelalter sich mit dem „in der Tat ungeheuerlichen Faktum", daß „unter allen Kulturvölkern des Abendlandes das kleinste, schwächste und verstreuteste (nämlich die Juden) sich als einziges dem Licht des Christentums hartnäckig entzog", noch nicht „psychoanalytisch abzufinden" vermochte (I, 97 f.). Heute also kann man das Gott sei dank?! Es ist sehr leicht, sich gegenseitig so zu erledigen. Aber auch grundsätzlich: ist Genie wirklich nur eine Art Wahnsinn, Geist ein Krankheitsprodukt? Kann der Nachweis von tausend Neurosen das kleinste Fünkchen Geist erklären? Ist je ein Gesunder dadurch, daß er irrsinnig wurde, auch genial geworden? Und wieso können geniale Leistungen das Leben tausend er „gesunder" Menschen umformen? Nicht einmal der einzelne Mensch ist als geistiges Phänomen zu erklären. Friedell läßt sich in seinem fanatischen Subjektivismus durch keinerlei falsche Scham behindern. So läßt er (I, 276) Luther in Kampf treten mit dem Gott der Bibel, erschreckt durch die Härte der göttlichen Gebote und verwirrt durch „jene schauerliche Paradoxie", daß man „einen rein national gedachten, nur den Interessen seiner Landsleute zugewandten, jede Konkurrenz verfolgenden harten und herrischen Firmenchef, wie es der Judengott ist, mit Gott zu identifizieren suchte." Diese Identifizierung findet Friedell „blasphemisch" und meint, die christliche Lehre sei bis zum heutigen Tage „verdorben und verwirrt durch das Gespenst eines rabiaten und nachträgerischen alten Beduinenhäuptlings" namens Jehovah. Wenn es auch für solche Federübungen im Strafgesetzbuch einen Paragraphen gibt, so glauben wir doch nicht, daß göttliche Würde durch Anthropomorphismen dieser Art getroffen werden kann. Schließlich hat sich ja das Christentum diesen jüdischen Einen Gott zu eigen gemacht, und Luther hat sich' nicht gescheut, die nach Friedells Ansicht blasphemische Bibel ins Deutsche zu übertragen, — eine Tat, die bekanntlich nicht ohne Folgen war. Nachdem der Kulturästhet den Boden genügend vorbereitet glaubt, geht er, auch' wieder ganz beiläufig, zum Frontalangriff über. Er sucht sich als passende Gelegenheit Mendelssohn aus (II, 264), dessen zeitgebundenen Rationalismus er nur zu verallgemeinern und dem ganzen Judentum anzuhängen braucht, um das gewünschte Exempel bei der Hand zu haben. In ihm erscheine, meint Friedell, „in einer letzten modernen Maskierung das Ressentiment des Juden gegen 376

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.