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Der Morgen · 1931-10-01 · Heft 4 (Oktober 1931) · p. 365

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Journal
Der Morgen
Volume
7 (1931-1932)
Issue
Heft 4 (Oktober 1931)
Article
Die Judenmission
Date
1931-10-01
Page
365 (sequence 6)
Language
German
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Die Judenmission in ihr wird gleichzeitig gefordert, daß der Mensch unter Einsatz aller seiner Kräfte das Reich Gottes auf Erden mitbauen hilft. Will man das Judentum auf Grund solcher fordernden Glaubenshaltung eine Gesetzesreligion nennen, so haben wir nichts dagegen einzuwenden. Aber man mißversteht die Stellung des Gesetzes in der jüdischen Religiosität gründlich, wenn man ihm Mittlerqualitäten zuspricht. Bisher sahen wir das Besondere der jüdischen Religion, im Gegensatz zur christlichen, in der Tatsache, daß in ihr der Mensch ohne Vermittlung, unmittelbar vor Gottes Antlitz gestellt wird. Jeder Jude weiß, daß das Gesetz der Thora, jüdisch betrachtet, nur etwas ist und bedeutet, sofern es Gottes Gesetz ist. Die Gebote des Judentums sind zur Verherrlichung Gottes und nicht zur Glorifizierung des Menschen gegeben. So sagt es der Prophet Micha: „Er hat dir kundgetan, o Mensch, was gut ist. Und was fordert der Ewige von dir, doch nur rechttun, Güte lieben und in Demut wandeln mit deinem Gott." Adolf Schlatter muß es doch aus seinen vielfachen talmudischen Studien selbst zur Genüge wissen, daß gerade auch das rabbinische Judentum diese Rückbeziehung auf Gott immer wieder fordert, wenn es allein jenes Tun als religiös wertvoll anspricht, das „leschem schomajim", um des Himmels, d. h. um Gottes willen geschieht. Wie weit das Judentum in Wirklichkeit von der Vergötzung des Menschen entfernt ist, das zeigt doch schon mit aller Deutlichkeit ein so schlichtes Gebet, wie jenes, das am Beginn unseres Gebetbuches steht: „Herr der Welten! Nicht um unserer Gerechtigkeit willen flehen wir demütig zu Dir, sondern um Deiner reichen Barmherzigkeit willen. Was sollen wir sagen vor Dir, o Ewiger unser Gott und Gott unserer Väter! Sind doch alle Helden wie nichts vor Dir, und die Männer des Namens so hinfällig und die Weisen ohne Verstand und die Klugen ohne Einsicht. Denn die Fülle ihrer Werke sind nichts und die Tage ihres Lebens wie Hauch vor Dir." Man kann sich angesichts solcher Anklagen des Eindruckes nicht erwehren,, daß auch ein so feinsinniger Gelehrter wie Schlatter seine Apologetik dazu benutzt, um das Gerede von der materialistischen Weltverfangenheit des Juden religiös zu unterbauen und zu rechtfertigen. Noch peinlicher wird man von der Schilderung, die Schlatter von dem zeitgenössischen Judentum bietet, berührt. Es sei kein Zufall, so meint er, daß der Jude, als in der modernen Zeit die Bindungen des alten Gesetzes von ihm genommen wurden, in Eigensucht und ödesten Materialismus versunken sei. An Hand dieser Vorgänge sehe man eben, daß die jüdische Religiosität nichts anderes bedeute, als äußerliches Getue, uniformiertes Gemeinschaftsleben, das mehr zur Sünde verleite als von ihr befreie. Diese religiöse Schauspielerei habe zu jener verkrümmten, schmiegsamen Anpassungsfähigkeit geführt, die kraft der Gemeinschäftsgeschichte peinliches Merkmal der jüdischen Seele geworden sei. Freiheit müsse dem Juden immer zum Verderben werden. Entweder er versinke in solchen Augenblicken in die Natur, indem er dem Spinozismus folgend die Unruhe des inwendigen Lebens dadurch zu besiegen suche, daß er sich ganz zu einem Teil der Natur mache und das Sonderleben der Seele leugne. Oder er folge dem Juden Karl Marx, der die 365

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