Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1931)
- Article
- Die Judenmission
- Date
- 1931-10-01
- Page
- 364 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Hugo Hahn sehe zu genau „alle Gebrechen der Kirchen, allen Unfug der Christenheit, alle Unterlassungssünden". Man solle darum nicht die Kirche, sondern den Weg zu Jesus in den Vordergrund des Gespräches mit dem Juden stellen. Diese Bekehrungsarbeit müsse aber „christlich" geleistet werden, d. h. sie sei nur erfolgversprechend, wenn sie vom Geiste Jesu getragen werde. Alle. Missionstätigkeit stehe nämlich in der großen Gefahr, daß sie in der Auseinandersetzung mit dem Andersdenkenden unbewußt auf den Staudpunkt des Gegners hinübergezogen werde. Dieser Verführung sei die Kirche selbst sehr rasch nach der apostolischen Zeit erlegen, indem sie ihr eigenes Recht auf Grund des jüdischen Gesetzes zu erweisen suchte. Desselben Fehlers machten sich aber auch heute noch jene Christen schuldig, die in der Jesusreligion nur etwas Zusätzliches zum Judentum erblicken wollen. Etwa in der Art, daß man sagt: als Jude glaube man an die Einheit Gottes, als Christ auch noch an die Trinität; als Jude glaube man an die Erwähl ung Isreals, als Christ außerdem noch an die der ganzen Menschheit gewährte Gnade; als Jude glaub© man an die Sühnekraft des Opfers oder der hierfür möglichen Ersatzleistungen, als Christ glaube man an die erlösende Kraft des Todes Jesu. Solche Gegenüberstellung führe keinen Schritt weiter. Sie tausche nur einen Lehrsatz mit dem anderen. Solche Betrachtungsweise sei jüdisch, talmudisch, rational, verdecke aber gerade das Wesenhafte, worauf es der christlichen Religion ankomme. Worin bestehe nun dieser Wesenskern, das radikal Neue und Andersartige der Verkündigung des Evangeliums? Der Unterschied zwischen Judentum und Christentum ist nach der Überzeugung Schlatters, nicht wie man oft behaupten hört, in der verschiedenartigen Einstellung zur Sünde oder gar zur Frage der Seligwerdung zu suchen. „Darin ist die Christenheit mit der Judenschaf t eins, daß sich beide um das gute, Gott wohlgefällige Werk bemühen". Aber der Weg, den. das Judentum gehe, um dieses Ziel zu erreichen, sei falsch und für immer aussichtslos. Wie sieht dieser Weg aus?" Nach Schlatters Auffassung ist die jüdische Religion charakterisiert durch den Begriff des Gesetzes. Das Gesetz stehe im Judentum gleichsam als Mittler zwischen Gott und dem Menschen. Alles komme daher in der jüdischen Religion darauf an, möglichst viele Gebote zu erfüllen, möglichst viele Leistungen zu vollbringen. Darum sei es eine spezifisch jüdische Einstellung, wenn vom Christentum die Rede ist, immer gleich zu fragen: wer hat mehr geleistet, Jesus oder Hillel, Paulus oder Gamaliel? Wer hat für den Frieden und die Wohlfahrt der Völker mehr getan: die Synagoge oder die Kirche? Wer hat die bessere und wirksamere Sittenlehre: die Bergpredigt oder die Thora? Solche Fragestellung zeige klar, daß unter der Herrschaft des Gesetzes lediglich der Mensch und seine Tat der Gegenstand der Verehrung sei. Hier offenbare es sich eben einmal klar, daß der Jude immer nach irdischer Herrschaft verlange und nicht, wie das Christentum es wolle, nach der Herrschaft Gottes, daß er immer seine eigene Gerechtigkeit suche und nicht die Gottes. Nun ist es gewiß wahr, daß das Judentum eine „Religion der Verwirklichung" sein will. In ihr ist nicht nur vom Fühlen und Glauben die Rede, sondern 364