Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1931)
- Article
- Die Judenmission
- Date
- 1931-10-01
- Page
- 366 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Hugo Hahn ganze Menschheitsgeschichte aus den egoistischen Trieben ableite und in ihrer Sättigung den einzigen Beruf der menschlichen Gemeinschaft erblicke. Mit der Betonung der Geschöpflichkeit des Menschen, einem Begriff, den auch das Judentum lehre, könne man auf die Dauer die Gefahren des Naturalismus und des Materialismus nicht bannen. Erst die vom Christentum erkannte Wahrheit, daß der Mensch gleichzeitig auch dazu berufen sei, Gottes Kind zu werden, schaffe die Möglichkeit, von der Freiheit den rechten Gebrauch im Dienst Gottes zu machen. Nun soll gewiß nicht geleugnet werden, daß die Spannung zwischen Religion und Leben innerhalb des Judentums mit dem Anbruch des modernen technischen Zeitalters größer geworden ist. Trifft derselbe Tatbestand aber nicht ebenso stark auf die christlichen Religionsgemeinschaften zu? Was soll es bedeuten, wenn Schlatter Spinoza und Karl Marx als die ausschlaggebenden Führer des modernen Judentums hinstellt? Ihr Beitrag zur Aufhellung lebenswichtiger Fragen steht doch nur in losem Zusammenhang mit dem jüdischen religiösen Gemeinschaftsleben, aus dem sie sich ja selbst gelöst hatten. Es ist das etwa so, als wenn man an den Büchern eines Feuerbach oder eines Häckel die Geisteshaltung des modernen Christentums ablesen wollte. Ein Eingehen auf Spinoza und Marx erübrigt sich in diesem Zusammenhang um so mehr, als das religiöse Judentum aller Schattierungen seinen eigenen Weg der Bewältigung neuzeitlicher Lebensprobleme gesucht und gefunden hat. Von den hochwertigen Antworten, die bei diesem Ringen jüdische Menschen wie Samson Raphael Hirsch oder Hermann Cohen — um nur zwei Namen zu nennen, die in diesen Zusammenhang gehören — gegeben haben, ist aber bei Schlatter nichts zu finden. Ihm ist der religiös entfremdete gleichzeitig auch der moderne Jude. Daß es darüber hinaus auch noch wahre Religiosität innerhalb des heutigen Judentums gibt, wird ebenso schamhaft verschwiegen, wie das Vorhandensein nichtjüdischer Materialisten und Naturanbeter. Wenn uns aber Schlatter zum Schluß den Gedanken der Gotteskindschaft als bestes Heilmittel zur Gesundung unserer Zeit anbietet, so muß er selbst wissen, daß er sich mit diesem Aufruf in bester jüdischer Gesellschaft befindet. Das Alte Testament hat dieses Bewußtsein im Juden längst wachzurufen verstanden. So heißt es da: „Kinder seid Ihr dem Ewigen EuermGott" (5. Buch Mose i4, i), „Von da ab nanntest Du mich Vater" (Jeremia 3, 4), „Wie ein Vater sich der Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Ewige" (Ps. io3, i3), „Haben wir nicht alle einen Vater?" (Mal. 2, 10). Die Beispiele könnten leicht vermehrt werden. Auch die Ausflucht, das talmudische Judentum habe die Höhenlage dieser Gottesauffassung verlassen, läßt sich' keineswegs aufrechterhalten. Rabbi Akiba preist in den „Sprüchen der Väter" Israel glücklich, weil sich seine Angehörigen als „Kinder Gottes" fühlen dürfen. Und in unserem Gebetbuch rufen wir Gott immer unter dem Namen „unser Vater" an. „Vergib uns, unser Vater", „Laß uns zurückkehren, unser Vater, zu Deiner Lehre", „Unser Vater, unser König, wir haben vor Dir gesündigt" und vieles andere mehr. Wie muß es auf den außenstehenden, bewußt unreligiösen Menschen wirken, wenn er sieht, wie die Religionsgemein- 366