Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1931)
- Article
- Geistfeindlichkeit und ihre politischen Auswirkungen
- Date
- 1931-10-01
- Page
- 310 (sequence 4)
- Language
- German
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Hans Herzfeld um den starken Menschen zu schützen, so griffen die späteren Kulturkritiker — erregt durch die weiter fortschreitende Erstarrung des Lebens — das ganze zugrundeliegende Prinzip an, auf dem sie die bestehende Kultur aufgebaut sahen. Sie fanden es in der Herrschaft des mechanischen, kühl-bewußten, zweckhaften Verstandes, der Ratio, deren hypertrophierten Kult sich die europäische Menschheit hingegeben habe. Die allzu helle, gefühlzerstörende Bewußtheit und der lebensferne Intellekt wurden von den schärfsten Kritikern als Formen eines einzigen menschlichen Wesenszuges angesehen: des Geistes. Der Geist also, der in der aufgeklärten Kultur ausschlaggebend herrscht, war für sie der Schädling, der die Entartung des menschlichen Lebens bewirkt hatte und bewirkte. Ihm galt demnach die Kritik und der Kampf. Wortführer dieser sogenannten romantischen Kulturkritik wurde Ludwig Klages, dessen 1929 erschienenes zusammenfassendes Werk den programmatischen Titel trägt: „Der Geist als Widersacher der Seele". In diesem Werk schildert er in immer neuen Variationen den eisigen Todeszug des Geistes in den Gefilden des Lebens, das vor dem Einfall des Geistes seelenvoll-unbewußt und naturverwurzelt war. Der Geist mit seinen bewußten, verstandeskalten Mechanismen dringt von außen her teuflisch in das ruhig atmende Leben ein, und zwar geschieht das ausschließlich im Menschen und durch den Menschen. Ganz apokalyptisch ist für Klages „das Wesen des geschichtlichen Prozesses der Menschheit, der siegreich fortschreitende Kampf des Geistes gegen das Leben mit dem logisch absehbaren Ende der Vernichtung des letzteren." — Die einzige noch mögliche Rettung aus der geistigen Vereisung sieht Klages in einem radikalen Zurückgehen auf die irrationalen Urgründe des Lebens, auf das Triebhaft-Unbewußte, das Seelische. Das ekstatische Sichversenken in dieses ursprüngliche Sein ist die einzig mögliche Heilung vom Krebsschaden: Geist. Instinktsicher wird man nur dann wieder, wenn man die Instinkte in sich weckt und ihnen folgt. IV. Es soll hier nicht unsere Aufgabe sein, diese Ideen einer Kritik zu unterziehen; uns kommt es darauf an, den Weg dieser Ideen in der Wirklichkeit zu verfolgen. Denn daß diese Parolen in einer Zeit ihre Wirkung nicht verfehlen konnten, in der die alten Werte illusorisch wurden und das Gefühl einen Irrweg zu gehen, sich durch die aussichtslose Zukunft verstärken mußte, ist ein- 310