Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1931)
- Article
- Geistfeindlichkeit und ihre politischen Auswirkungen
- Date
- 1931-10-01
- Page
- 313 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Geistfeindlichkeit und ihre politischen Auswirkungen heit das auslösende Moment ist. Es ist ein Unterschied, ob man geistfeindlich ist aus einer romantischen Haltung oder aus purer Barbarei. Das eine Mal ist man durch das Entseelende einer überspannten Rationalität hindurchgegangen und sucht sich in einer Trieberneuerung zu retten, das andere Mal hat man das Einfachste und Banalste getan: sich einfach gehen zu lassen, wobei diese bequeme Schluderei mit Hilfe schnell zitierter Theorien als eine Erneuerung des Lebens gepriesen wird. Bedauerlich dabei ist, daß jene wahrhaften Kulturromantiker, ob sie wollen oder nicht, den banalen „Praktikern" ihre oft aus Verzweiflung geborenen Einsichten leihen, mit denen diese sich aufputzen, indem sie sich das Mäntelchen einer Weltanschauung umhängen. Das soll nicht heißen, daß die irrationale Bewegung in der Politik keine Berechtigung und keinen echten Kern hätte. Das Gute und Echte des politischen Irrationalismus liegt in der notwendigen Bildung gemeinschaftsbindender Kräfte, die solidarisch das in Unordnung geratene Triebwerk der Gesellschaft neu ordnen. Ist doch der Aufbau einer gestörten Kultur ohne diesen irrationalen Grund (deshalb irrational, weil er an gefühlshaft-seelische Schichten in uns appelliert) kaum denkbar. Aber die Echtheit dieses irrationalen Grundes wird verzerrt, wenn man aus ihm eine destruktive Triebhaltung macht, die radikal und fanatisch um jeden Preis ist, da sie sich in Radikalität und Fanalismus selbst genügt. Dieser Fanatismus, das dumpfe Gegenstück zu einer (auch im Irrationalen wurzelnden) Begeisterung, ist eine Konsequenz sturer Geistfeindlichkeit ohne echten Erneuerungstrieb. Der fanatische Nationalismus der Nationalsozialisten z. B. kompromittiert auf die Dauer den von wahrer Begeisterung für die Nation getragenen Nationalismus, da er nur triebhaftes Geschehen unter der Voraussetzung eines unbedingten Gefolgsmanntums ist, das den Willen jedes Einzelnen völlig aufhebt. Das Ziel eines solchen Nationalismus wäre keine Erneuerung des nationalen Lebens, sondern eine Massenuniformierung, eine noch schlimmere Vermassung als sie der heftig befehdete, im rationalen Geiste befangene Kapitalismus mit sich bringen könnte. Ein echter, von Begeisterung getragener Nationalismus dagegen, wie er einem Fichte vorschwebte, ist unfanatisch und muß es sein, da Begeisterung den Fanatismus nicht braucht, ja sogar ausschließt. Echter Nationalismus wird getragen vom Willen des Einzelnen, der sich verantwortlich fühlt fürs Ganze und nicht nur stur folgt. Der Irrationalismus, der in jedem Nationalismus steckt, beruht nicht im Blute der Rasse und nicht im fanatischen Triebeinsatz, 313