Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 3 (August 1931)
- Article
- Glaube und Geschichte im Judentum
- Date
- 1931-08-01
- Page
- 297 (sequence 4)
- Language
- German
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Glaube und Geschichte im Judentum Ziel setzt. Von diesem „Ende der Tage", wie es bei den Propheten heißt, gewinnt die Gegenwart ihren Sinn und ihre Aufgabe. Die Zukunft als ein geschichtlicher Zeitbegriff ist der eigentliche Sinn und die eigentliche Entdeckung des messianischen Gedankens der Propheten.1) Es ist in diesem Zusammenhang von ausschlaggebender Bedeutung, daß der Talmud mit allem Nachdruck den diesseitigen innerweltlichen Charakter der messianischen Idee von den eschatologischen Gedanken des Jenseits, der „kommenden Welt" scheidet und betont, daß alle Prophetie auf die messianische Zeit abzielt.2) Wohl findet sich auch die Auffassung, daß die messianische Zeit das Ende aller geschichtlichen Entwicklung sei. Dann werde es weder Verdienst noch Schuld geben, die menschliche Natur werde also eine andere sein. Aber bezeichnend ist das hieraus erwachsende Urteil, das die messianische Zeit, weil alles sittliche Streben aufhöre, als eine Zeit, an der man nicht Gefallen finden könne, ablehnt. Aber dieser Auffassung wird mit aller Entschiedenheit die Anschauung des Amoräers Samuel gegenübergestellt, daß der Unterschied zwischen der messianischen Zeit und unserer Welt nur in dem Aufhören der „Knechtschaft der Reiche" bestehe. In vollem Einklang mit Jesajas Schild er »mg des messianischen Fürsten wird nicht eine Umwandlung der menschlichen Natur, nicht ein Aufhören des „bösen Triebes" erhofft, sondern die Brechung seiner Herrschaft im Leben der menschlichen Gemeinschaft. Diese Zielsetzung bedingt nicht ein Warten auf Erfüllung der Verheißung, sondern selbständige Arbeit. Demgemäß ist nicht der Messias der Erlöser von Sünde und Sündhaftigkeit, sondern die sittliche Selbstbefreiung der Menschheit die Voraussetzung für die messianische Zeit. Von diesem Ziel der Geschichte bestimmt sich der geschichtliche Beruf Israels, der Gedanke des auserwählten Volkes als eine der tragenden Ideen des Judentums. Es ist eine immer wieder zu beobachtende Erscheinung, auf die in anderem Zusammenhang oben hingewiesen wurde, daß auch grundstürzende geistige Revolutionen die Terminologie der früheren Zeit vielfach festhalten, ihr aber einen anderen, oft wesensverschiedenen Inhalt geben. Der Gedanke der Erwählung des Volkes durch seinen Gott ist überall sonst im Sinne einer Vorzugsstellung erfaßt und auch im alten Israel von der heidnisch denkenden Volksmenge so verstanden worden. Von den Propheten ist er zu dem Ausdruck der höheren Verpflichtung und Verantwortung umgeprägt worden: „Nur euch habe ich erkannt aus allen Geschlechtern der Erde; darum ahnde ich an euch alle eure Sünden." (Arnos 3,2.) Mit schneidender Schärfe ist die Verwerfung der Volksanschauung in jenem anderen Wort des Arnos ausgesprochen, in dem er Israel vor Gott den Philistern und Aramäern, ja selbst den Mohren gleichstellt. Die Aufgabe selbst wird positiv gekennzeichnet von Deuterojesaja, der Israel den Knecht Gottes nennt, von ihm berufen, daß er nicht lärmend und gewaltsam, sondern der Wahrheit gemäß mit Sanftmut durch "den Geist, den Gott!) Herrn. Cohen, Die Bedeutung des Judentums für den religiösen Fortschritt der Menschheit. (Jüdische Schriften 1,3o.) 2) Bab. Talm. Sabbath 63a und Parallelstellen. 297