Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 3 (August 1931)
- Article
- Glaube und Geschichte im Judentum
- Date
- 1931-08-01
- Page
- 299 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Glaube und Geschichte im Judentum zur Zerstörung des ersten Tempels dieses Volkstum ganz ebenso angesehen wurde wie jedes andere. Freilich nicht von prophetischer Seite. Nicht daß das Volk einen König haben will, verstimmt Samuel, sondern die Begründung „wie alle anderen Völker". Der Außenpolitik wie der inneren Politik, die nach dem allgemein üblichen Schema betrieben wird, setzen die Propheten die Forderung religiös sittlichen Aufbaus des Gemeinschaftslebens entgegen. Bei allem glühenden Patriotismus und aller heißen Liebe zu ihrem Volke verkünden sie den Zusammenbruch des Volkes als unausweichliche Folge jener falschen Anschauung. Der Volksgedanke, den die Propheten geschaffen haben, hat mit allem anderen so genannten nur den Namen gemein, ist aber wesenhaft von ihm verschieden, weil allein gegründet auf das Bewußtsein göttlicher Sendung zu geschichtlicher Aufgabe. Das Erbe des Prophetismus hat Esra dem Judentum erhalten und fruchtbar gemacht, und die Soferim und der Pharisäismus haben sein Werk fortgesetzt. Der Volksgedanke wird gänzlich gelöst von allen politischen Aspirationen und rein geistig gefaßt. Nicht politische Macht und nicht das Land, sondern das Buch ist die Grundlage, die geschichtliche Aufgabe der Inhalt, und die Tradition, die geschichtliche Verknüpfung mit der Vergangenheit, die Festigung. Mit Recht stellt H. H. Schaeder Esras Bedeutung und seinen geschichtlichen Sinn im Gegensatz zu den anderen Religionsstiftern und Reformern heraus. Erst mit Esra tritt das Judentum in seine weltgeschichtliche Rolle ein, erst aus der Zerstreuung in die Fremde kann das Volk sich zu sich selber sammeln.1) Jahrhunderte später hat R. Oschaja Israels Zerstreuung als eine göttliche Wohltat angesprochen. Dieses Eingehen in andere Kulturen unter Wahrung dessen, was das Judentum an eigenem hat, gibt die Möglichkeit zur Erfüllung seiner geschichtlichen Aufgabe. Esras Wirken mußte folgerichtig dazu führen, daß Tempel und Priestertum aufhörten. Nicht eine Kirche mit dogmatischen Bindungen und Glaubensbehörden hat er geschaffen, sondern ein geistiges Volkstum mit geschichtlicher Tradition und geschichtlicher Zukunft Nicht einmal die Stammesgemeinschaft ist entscheidend. Denn auch jeder Fremdstämmige gilt als „Sohn Abrahams", der die geistige Grundlage der Gemeinschaft als verbindlich anerkennt. Gleiches Erleben und Erleiden um dieses geistige Gut mußte das Volksbewußtsein festigen. Aber Deuterojesaja gibt zu verstehen, und die Geschichte hat es als richtig erwiesen, welch ungeheure aktive Kraft des Schaffens in dem scheinbar rein passiven Leiden für die Idee liegt. Nichts Partikularistisches haftet an diesem Volksbewußtsein, dessen geschichtliche Hoffnung die Zukunft der Menschheit ist. - i) H. H. Schaeder, Esra der Schreiber. S. 571"., 73. 299