Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 3 (August 1931)
- Article
- Glaube und Geschichte im Judentum
- Date
- 1931-08-01
- Page
- 296 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Hermann Vogelstein der Einklang des Menschen mit Gott wird gesucht. Der in allen Religionen geltende Begriff der Heiligkeit erhält im Judentum sein ganz spezifisches Gepräge. Durch die Anerkennung, daß das Wesen Gottes unerkennbar ist, hat das Judentum seine Gottesidee frei gehalten von aller Mythologie und in seiner AbsoJutheit hinausgehoben über die Welt, die seine Schöpfung ist. Die Heiligkeit Gottes bedeutet im jüdischen Monotheismus seine ÜberweltHchkeit, seine Transzendenz. So scheint Menschenschicksal und alles Geschehen auf Erden von Gott gelöst zu sein, aber nur um anders und wirksamer mit ihm verknüpft zu werden. Die Majestät des heiligen überweltlichcn Gottes wirkt sich in der Welt aus, (Jesaja 6, 3), die er nicht in müßigem Spiel seiner Allmacht, sondern zweckvoll geschaffen hat, um in ihr sein sittliches Wesen zur Auswirkung kommen zu lassen. Das gibt dem Monotheismus des Judentums den ethischen Charakter. Der Mensch ist nur um ein Geringes Gott selbst nachgesetzt (Ps. 8, 6), weil er als das mit der Fähigkeit sittlicher Erkenntnis und sittlichen Willens ausgestattete Wesen im Ebenbild Gottes geschaffen ist. Alles menschliche Tun und Geschehen, so sinnlos es auch im einzelnen erscheinen mag, gewinnt damit seine Bedeutung, die Geschichte ihr Ziel und ihren Sinn. Geschichte ist die dem Menschen gestellte Aufgabe, das Reich Gottes nicht etwa im Himmel, wie man später in mißverständlicher Deutung gemeint hat, sondern auf Erden durch Wahrheit, Recht und Frieden zu verwirklichen. So ist der Gott Israels recht eigentlich der Gott der Geschichte, dessen Walten sich in der Geschichte offenbart, dessen sittlichem Geschichtszweck bewußt oder unbewußt die Menschen dienen. Denn Gott wirkt sein Werk durch seine Boten, die Menschen. Wiederum sind hier Paradoxien und Antinomien unverkennbar. Alles dient dem ewigen Geschichtsplan Gottes, dem Aufbau der göttlichen sittlichen Weltordnung. Aber der Mensch ist nicht willenloses Werkzeug, sondern ihm ist die Freiheit der Entscheidung und des Handelns gegeben. Denn eben dadurch' ist er als sittliches Wesen das Ebenbild Gottes. Nach einem talmudischen Wort ist die Schöpfung erst vollkommen gewesen, als Gott auch den bösen Trieb geschaffen und dem Menschen das stete sittliche Ringen als Lebensinhalt und Lebenssinn mitgegeben hatte. Auch das Böse ist nach dem Worte des Deuterojesaja von Gott geschaffen und dient dem Zwecke Gottes. Geschichte ist nicht das von Gott dem Menschen auferlegte Schicksal, das der Mensch als Objekt erleidet, und nicht von Gott losgelöstes willkürliches Handeln des Menschen, sondern die dem Menschen als Träger des göttlichen Willens gestellte Aufgabe unablässigen Ringens zu sittlicher Vollendung. Damit ist die Synthese persönlichen und Gemeinschaftslebens gegeben. Es gibt keine individuelle Sittlichkeit, ohne daß der einzelne sich' selbst in die Gemeinschaft stellt, und es kann keine Gemeinschafts- und Volkspersönlichkeit geben, die sich in eigener Selbstsucht erschöpft und sich nicht vielmehr die Gemeinschaft der ganzen Menschheit als x) Siehe die talmudischen Deutungen von Deuteron, io, 12. i3, 5. Ps. 2 5, 10. 296