Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 3 (August 1931)
- Article
- Glaube und Geschichte im Judentum
- Date
- 1931-08-01
- Page
- 294 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Glaube und Geschichte im Judentum Von Hermann Vogelstein Dem Leben der Gegenwart gibt nicht sowohl die Tatsache der gewaltigen Umwälzung auf allen Gebieten als vielmehr die Bewußtheit grundstürzender Wandlung, auch bei äußerlich scheinbarer Kontinuität, das eigenartige Gepräge. Die Stellung zu allen Fragen ist „weltanschaulich" bestimmt. Die Problematik dieser Geistigkeit ist, daß sie sich in hohem Maße in ungeistiger und gedankenloser Anwendung von Schlagworten, in mangelnder Erkenntnis der Tatsachen und der treibenden Kräfte, in mangelnder Fähigkeit, objektiv zu sehen, auswirkt. Diese Problematik des gegenwärtigen Geisteslebens zwingt mehr als je zur Betrachtung des ewigen Problems der Beziehung zwischen der unendlichen Bewegtheit und Vielgestaltigkeit des Geschehens und des Flusses geschichtlichen Lebens, das dem menschlichen Geiste immanente Verlangen nach gedanklicher Ordnung und sinnvoller einheitlicher Gestaltung gegenübersteht. Denn nicht die Tatsachen allein sind für das Bild der Geschichte bestimmend, sondern auch der Standpunkt des Beobachters. Selbst der Annalist reiht die Geschehnisse nicht trocken chronologisch aneinander. Die Einstellung zu den geschichtlichen Vorgängen, wie zu dem Problem der Geschichte, wird entscheidend beeinflußt durch die religiöse Anschauung; andrerseits bewirkt veränderte Erkenntnis der geschichtlichen Dinge eine Wandlung der religiösen Anschauung. Für drei Religionen des vorderen Orients, die babylonische, die persische und die israelitisch-jüdische hat Ernst Lohmeyer in seiner unlängst erschienenen Breslauer Rektoratsrede1) diese Doppelfrage skizziert. Trotz weitgehender Übereinstimmung erscheint eine Betrachtung unter dem Aspekt des Judentums gerechtfertigt und notwendig. Die Frage rührt an die Grundlagen des Judentums. Aus einer Gesamtdarstellung der jüdischen Theologie würde ganz von selbst ihre Beantwortung herauswachsen. Aber eine solche Darstellung ist, so scheint es, für absehbare Zeit nicht zu erwarten. Verschieden sind hellenischer Intellektualismus und orientalische Religiosität. Bei den Griechen ist Erkenntnis intellektuelles Begreifen auf verstandesmäßigem x) Lohmeyer, Glaube und Geschichte in vorderasiatischen Religionen. Breslau 1981. 294