Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 3 (August 1931)
- Article
- Der Franzose auf der Wodans-Eiche
- Date
- 1931-08-01
- Page
- 292 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Joseph Roth ahmt, kann nicht von einer Stelle verkündet werden, die sich berufen glaubt, Rom vor den Juden zu schützen und den Erlöser vor seiner jüdischen Abstammung. Wer sich auf die Edda beruft, um den Juden „ihr Geld" abzunehmen, mag vielleicht Recht haben. Wer aber die Bibel in der Hand hält, um aus ihr die Superiorität der „französischen Rasse" abzuleiten, begeht ein Sacrileg. Kein Zweif el, daß sich Bernanos dessen bewußt ist, denn er tritt mit der Ambition eines Reformators auf, eines „Protestanten" (im wörtlichen Sinn). Er weist die Kardinäle zurecht und erteilt dem Papst, unerbetene Ratschläge. Er hat keine Vorstellung von der Weltkenntnis, von der "Vorsicht, ja, von der Weisheit, die den Vatikan auch dort noch auszeichnen, wo er offensichtliche Fehler begeht und von den alten, überlieferten, von der Institution selbst, automatisch beinahe, an ihre Diener vermittelten Fähigkeiten, dank denen noch der subalterne Angestellte Roms einem französischen Romancier aus geographischer und geistiger Provinz bei weitem überlegen ist. Der gute geniale Bernanos ist aus dem harten biederen Holz geschnitzt, das offenbar aus den alten nordischen Wodanseichen herstammt und aus dem seit Jahrhunderten alle Gründer aller „nationalen Kirchen" hergestellt werden. Er ist ein Sektierer. Und fehlt es ihm nicht an Sinn für den Humor seines Helden Drummont, so doch zweifellos an eigenem. Er kämpft gegen die Kirche mit der Sicherheit, die ihm das Bewußtsein gibt, ihr treuer Sohn zu sein. Er ist überzeugt, sich dies und jenes „herausnehmen" zu dürfen. Und er hätte bestimmt bereitwilliges Gehör zu erwarten und vielleicht sogar auch hie und da ein verborgenes wohlgefälliges Lächeln, wenn seine Ahnungslosigkeit nicht so hartnäckig zu einem nur verzeihenden herausforderte. Man muß es ihm lassen, dem Bernanos: für Porzellanläden bedeutet er eine immense Gefahr; auf dem Fechtboden ist er vermutlich besser zu verwenden. Er gehört zu dem Typ der eifrigen Katholiken, die es besser wissen als die Kirche und die gerade scharfäugig genug sind, deren plumpste Irrtümer mit ausgestrecktem Zeigefinger zu agnoszieren. Da sind Banalitäten, die bei Drummond erträglich werden, weil er ein polemisches Temperament ist,— die einzige literarische Qualität, die das Banale entschuldigt. Was aber fängt man mit den Banalitäten eines Romanciers an? Was soll man gar mit Torheiten anfangen, die in einer klassischen Form dargebracht werden und in einer glänzenden Sprache, in der die Leidenschaft für das Wort den Leser ebenso erfreut, wie ihn die Selbstsicherheit ärgert, mit der ihm der Autor seine gleichgültigen Erkenntnisse mitteilt?! Aus Respekt vor der schriftstellerischen Persönlichkeit des Autors unterdrückt man noch ein Gelächter. Aber ein Lächeln läßt sich nicht mehr hintanhalten. Es ist nicht lächerlich, durchaus nicht lächerlich! Es ist ein tragischer Anblick! ein edler Mann, ein Kämpfer „für Recht und Glauben", zieht aus, um diese Plattheit zu bekämpfen, diesen Absud der Aufklärung, dieses schäbige Gemisch aus Gottlosigkeit und Kollektivismus, diese ganze plebejische Gesinnung, die sich bald „demokratisch", bald „proletarisch" nennt, die Literatur, Wissenschaft und Kunst mit ihrem vulgären Zentnergewicht erfüllt und herabzieht. In welch einer Rüstung tritt er auf, der Kämpfer? In 292