Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 3 (August 1931)
- Article
- Der Franzose auf der Wodans-Eiche
- Date
- 1931-08-01
- Page
- 291 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Franzose auf der Wodans-Eiche katholischer Antisemit die Tatsache bedauert, daß Jesus Christus der Sohn einer Jüdin war! Der Beweis dafür, daß die barbarische Geschmacklosigkeit kein ausschließliches Kennzeichen bestimmter europäischer Länder ist, wird geradezu eine Garantie für das kommende geeinigte Europal Laßt uns nur hoffen! Auch der französische Romancier, nicht nur der slovakische und rumänische Bauer, glaubt an den Ritualmord. (Bernanos glaubt heute noch an Dreyfus' Schuld.) Bernanos ist überzeugt, daß die einzige Rasse, die geeignet wäre, den katholischen Glauben fruchtbar zu machen, die französische sei. Ein französischer Katholik von Genie als nationalsozialistischer Pfarrer von Borkum ist eine recht interessante Erscheinung. Die historische Ahnungslosigkeit, die Rom nach der Normandie verlegt, unterscheidet sich um kein Haar von der Monstrosität jenes deutschen Gelehrten und Rasseforschers, der das biblische Paradies in Ostpreußen gesucht hat. Wir haben einander nichts mehr vorzuwerfen. Wir sind quitt. Auch Frankreich hat sein Thüringen! ... * Diese harmlose Provinz-Kasino-Fröhlichkeit, mit der hier der Mut eines Juden, der sich duelliert, gering geschätzt wird, während zum Beispiel die heilige Überzeugung antisemitischer Straßenbanden („Sturmkolonnen" heißen sie in Deutschland), daß man Juden die Köpfe oder zumindest die Hüte einschlagen müsse, einen literarischen Preisgesang davonträgt; diese sture Burschikosität, die „Saujud!" brüllen kann, ohne die klassische Haltung aufzugeben; diese wütende Blindheit, die den Prügelstock schwingt und dabei in würdiger Sprache über das Unglück jammert, das die Geprügelten angerichtet haben; diese Treue gegenüber dem Glauben, dem Adel, dem Heroismus, der Tradition, der Noblesse, Schulter an Schulter mit der kindischen Lust am Straßenkrawall; diese Hand, die nicht aufhört, mit der Knute zu drohen und dabei gleichzeitig das Zeichen des Kreuzes machen möchte: und kurz und gut: diese ganze Mischung aus Kreuz, Krone und Hakenkreuz ist eine Mißgeburt, würdig dieser Zeit, gegen dieBernanos zuFelde zu ziehen glaubt. Wie sehr er selbst eines ihrer Zeichen geworden ist, wird ihm ewig unbekannt bleiben. * Es handelt sich aber keineswegs um diese billige nationale Schadenfreude über die primitive Tatsache, daß Jeder „seinen Juden schlägt". Ich zögere nicht, das Buch von Bernanos eine Gefahr zu nennen, nicht nur, weil es eine Dummheit ist, sondern weil es eine Dummheit sanktioniert. Es ist ein Unterschied, ob man seine antisemitische Haltung mit Argumenten aus germanischen Urwäldern belegt, oder ob man den heiligen Augustinus zu ihrem Zeugen degradiert. Was einem Heiden ansteht, der „nicht dertauft" werden konnte (ein Scherzwort, das zu Unrecht auf jüdische Konvertiten angewandt wird und das haargenau auf jene Christen paßt, die es seit Jahrhunderten nicht werden können), wird eine Gottlosigkeit unter der Feder eines Mannes, an dessen Christentum nicht gezweifelt werden kann, auch wenn er aus ahnungslosen Provinzen kommt. Was man gewohnt ist, aus dem Munde eines gottesleugnerischen „Osaf" zu vernehmen, der bewußt die Haltung eines Keulenschlägers annimmt und auch dessen stammelnden Kauderwelsch nach- 291 19*