Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 3 (August 1931)
- Article
- Der Franzose auf der Wodans-Eiche
- Date
- 1931-08-01
- Page
- 290 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Joseph Roth der Technik des Kampfes die Dummheit des Ziels. Wenn aber ein Epiker naiv ist, der gerne fechten möchte, sieht man lediglich, wie er sich hinter jenem verbirgt, hinter dem „großen Bruder". Sicherlich fehlt es Bernanos ebensowenig an Mut, wie Drummont. Aber Bernanos kann die Waffe nicht führen, die er sich von Drummont ausgeliehen hat. Also gerät er in eine Stellung, die beinahe so lächerlich ist, wie die eines Schwächlings: er klagt und schlägt. Gewiß ist seine Klage edel. Seine Sprache hat ihren eigenen Glanz und einen lang nicht mehr gehörten Klang. Er ist ein bedeutender Schriftsteller. Man kennt seine (in Deutschland übersetzten) Romane: sie überragen die französische Durchschnittsliteratur der letzten zehn Jahre. Sie verraten Erkenntnis, Gewissen, Tradition und die himmlische Gnade (im religiösen und literarischen Sinn). In dem Buch nun, das er dem Andenken Drummonts widmet, versucht er vergeblich, den Nachruf mit einem Kampfruf zu verbinden, und es gelingt ihm nicht, ein Bild des Toten der Nachwelt zu vermitteln, sondern nur einen starken Eindruck von dem Toten. Dieser erscheint gerade noch der Vergessenheit entrissen; keineswegs aber dem dauernden Gedächtnis erhalten. Das Buch kündet seinen polemischen Charakter im Titel an. Es heißt: „La grande peur de Bien-Pensants" (zu deutsch: „Die große Angst der Ewig- Braven" etwa) und trägt in Klammern, erst auf der zweiten Titelseite, den dünn gedruckten Namen Edouard Drummonts. Mit der linken wird die Fahne gesenkt, mit der Rechten das Schwert erhoben. Eine angemessene Art, einen toten Kämpfer zu ehren — — wenn man sie beherrscht. Wenn man's nicht kann, sollte man's lieber bleiben lassen. Es wäre des Epikers Bernanos' würdiger gewesen, den Namen seines Helden fett gedruckt auf das erste Titelblatt zu setzen. (Wahrscheinlich aber ist er der Eingebung seines Verlegers gefolgt, der Frankreichs lautester ist: Grasset.) Dieses Werk wäre, auch wenn es einigermaßen Aufsehen erregt, eine rein französische Angelegenheit, und wir hätten keinen Anlaß, uns damit zu beschäftigen, wäre es nicht in einer Zeit erschienen, in der der deutsche Antisemitismus Triumphe feiert, die ihn allmählich aus dem Stadium des Kannibalismus in das des Parlamentarismus zu führen scheinen. In dieser Zeit ist es von Bedeutung, zu hören: daß ein guter Franzose und ein guter Katholik die Juden (besonders die Juden deutscher Herkunft) für bestimmte französische Mißstände haftbar macht; daß auch Franzosen für eine garantierte Blondheit schwärmen können und manchmal in die Lage geraten, einen „Normannen*' einem „Kelten" vorzuziehen und diesen wieder einem „Mediteranäer"; daß man imstande sein kann, den Katholizismus zu einer Angelegenheit der „französischen Rasse" zu machen und daß also eine alte katholische Tradition gewisse Franzosen nicht hindert, sich einen Gott nach dem Ebenbild Wodans zu schaffen; daß auch unter den „Welschen" die Blauäugigkeit geschätzt wird und daß sie keineswegs ein deutsches Reichspatent ist. Wir haben allen Anlaß, die Franzosen zu beneiden, weil ihre Antisemiten bedeutend begabter sind als die unsrigen. Aber welch ein Vergnügen, zu hören,, daß jene ebenso töricht sind! Welch eine Genugtuung, zu vernehmen, daß ein von dem Katholiken Bernanos geschätzter 290