Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 3 (August 1931)
- Article
- Der Franzose auf der Wodans-Eiche
- Date
- 1931-08-01
- Page
- 289 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895499-2895503-2901646--05265-2901749- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der Franzose auf der Wodans-Eiche Von Joseph Roth Georges Bernanos, französischer Romanschriftsteller von Rang, veröffentlicht ein Buch über den im Krieg verstorbenen antisemitischen Publizisten Edouard Drummont, den die literarische Welt bereits vergessen hatte; zu Unrecht vergessen. Denn der Polemiker Drummont war ein bedeutender Schriftsteller, seine Leidenschaft war edel, seine Sprache kräftig, sein Witz tödlich, seine Ironie blank, sein Haß der Haß eines Starken, seine Liebe warm und groß, sein persönlicher Mut (in vielen Duellen bewiesen) war die Quelle seines literarischen Mutes, sein privates Leben entsprach vollkommen seinem öffentlichen, er war in der Tat ein Ritter ohne Furcht und Tadel, und das Ziel, das er mit Leib und Leben, Geist und Feder, Degen und Pistole verfolgte, war leider außerordentlich dumm: denn er wollte die Juden ausrotten. So viel Genie für eine Torheit! So viel Tapferkeit für eine Schwäche! Soviel Edelmut für eine Idee von Menschenfressern! So viel Eifer für eine Banalität! So viel katholische Überzeugung für den Teufel und so viel Glauben für die Katz! So viel Heroismus für eine Feigheit! So viel Einsicht für eine Ahnungslosigkeit: fürwahr, ein verpfuschtes Leben! Immerhin: es hat nicht viele Antisemiten von menschlichem und literarischem Wert gegeben, und Drummont ist sicher in den Himmel gekommen, in jene Abteilung, in der die wertvollen Kannibalen sitzen, die seltenen Besessenen, deren Lauterkeit belohnt wird, damit ihre Dummheit nicht bemerkt werde. Bernanos, der den toten großen Antisemiten auch der Nachwelt erhalten will, scheint die Meinungen seines Gegenstandes und seines Meisters teilen zu wollen. Aber Bernanos ist kein Polemiker, sondern ein Epiker. Deshalb nimmt er eine pietätvolle Haltung ein, wenn er eine rein kriegerische einnehmen wollte. Er macht den Eindruck eines Mannes, der mit gezücktem Degen einem Leichenwagen folgt — statt mit einem gesenkten. Er macht einen schlechten Eindruck, der Epiker Bernanos: er jammert und fuchtelt. Eine Haltung, die, nach der Meinung der Antisemiten, eher einem Juden anstehen sollte. Bernanos' Intentionen sind nicht weniger edel, als die des toten Drummont. Aber wenn ein Polemiker naiv ist, vergißt man über 19 289