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Der Morgen · 1931-08-01 · Heft 3 (August 1931) · p. 287

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Journal
Der Morgen
Volume
7 (1931-1932)
Issue
Heft 3 (August 1931)
Article
Der Prozeß Jesu im Lichte der neuesten Forschung
Date
1931-08-01
Page
287 (sequence 12)
Language
German
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Der Prozeß Jesu im Lichte der neuesten Forschung Zweck müssen sie bei dem Christen ein politisches Verbrechen konstruieren, das immer darin gefunden werden kann, daß er Jesus als seinen König ansieht, der ein Reich regiert, das unvergänglich ist und nach seinem Glauben eines Tages an die Stelle des vergänglichen Römerreiches treten wird. Dieses Himmelreich wünscht der Christ herbei, er betet sogar, daß es bald kommen möge, also sucht er den Untergang des Römerreiches zu beschleunigem Es gab aber römische Richter, die sich nicht darauf einließen, die Christen einfach wegen ihrer Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinde zu verurteilen, denn sonst würde sich das Christentum nicht in dem Maß ausgebreitet haben, wie es in den ersten Jahrhunderten der Fall war, und wio würden wohl mehr von Hinrichtungen um des Christentums willen hören. Wenn nun aber kein irgendwie todeswürdiges Verbrechen vorlag, dann mußte die Staatsgefährlichkeit, die sich nicht mit Gründen erweisen ließ, durch Geschrei und Drohungen unterstrichen werden, bis der Richter endlich nachgab. Wir können es uns zwar nicht von einem Mann wie Pilatus denken, daß er sich durch eine lärmende, aufgehetzte Volksmenge einschüchtern ließ, um so weniger, als die Verhaftung Jesu geflissentlich geheim gehalten wurde, wohl aber von einem römischen Richter in irgendeiner Provinzstadt mit einflußreicher jüdischer Einwohnerschaft Hier mag es vorgekommen sein, daß einem römischen Beamten, der sich mit den maßgebenden Persönlichkeiten zu weit eingelassen oder sich ihnen gegenüber Blößen gegeben hatte, auf seine Frage nach der Schuld des Verhafteten geantwortet wurde: „Darnach hast Du gar nicht zu fragen. Es muß Dir genügen, wenn Avir sagen, daß er den Tod verdient hat" Von einem solchen kleinen und schwer belasteten Richter können wir uns auch denken, daß er durch das fortgesetzte Drängen schließlich so hilflos wird, daß er zu allem Ja sagt Vor allem wollten die Verfasser der Leidensgeschichte ihren Glaubensgenossen Mut machen und ihnen zeigen, wie sie sich verhalten sollten. In solchen Fällen, wo der Fanatismus regierte, wo sich kein Mensch um Tatsachen und Gründe kümmerte, gab es nur eins: Schweigen. Mochte der Richter noch so oft sagen: „Verteidige Dich doch gegen die Anklagen!" der Christ schwieg. Er wußte ja, daß es nur davon abhing, ob der Richter die Tatkraft besaß, ihn frei zu lassen. Inmitten der rasenden Menge soll der Christ nach dem Vorbild seines Meisters der ruhende Pol sein, der scheinbar Unterliegende, in Wahrheit aber Siegreiche. 287

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