Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 3 (August 1931)
- Article
- Der Prozeß Jesu im Lichte der neuesten Forschung
- Date
- 1931-08-01
- Page
- 288 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895499-2895503-2901645--05263-2901748- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Walter v. Hauff Auch wenn wir bei dem Verhör Jesu das Ungeschichtliche weglassen, wird die Annahme, daß er nur sehr wenig gesagt hat, richtig sein. Sicher ist er auch nur sehr wenig gefragt worden. Die Erzählung der Evangelisten von dem Verhalten des Pilatus, die namentlich in der im vierten Evangelium gegebenen Form mit der Geschichte im stärksten Widerspruch steht, wendet sich an die römischen Richter. Sie mögen sich an Pilatus ein Beispiel nehmen. Er versucht das Menschenmögliche, um die Ankläger Jesu umzustimmen. Schließlich gibt er nur aus Angst nach und spielt so eine recht verächtliche Figur. Mußte nicht jeder römische Richter, der noch einen Funken Ehrgefühl in sich hatte, mit der Faust auf den Tisch schlagen, wenn er diese Darstellung' von dem palästinensischen Prokurator las? Mußte er nicht sagen: „Lieber verliere ich Stellung und selbst das Leben, als daß ich mich so zum Sklaven eines aufgehetzten Pöbels machen lasse? Lieber mögen sie alle meine Schandtaten in Rom melden, als daß ich mich so in ihre Hände gebe!" Wie ein Opfer von Erpressern steht Pilatus da; und so fügt er den andern Verbrechen, die er begangen hat, noch ein neues hinzu. Und schließlich wendet sich der Bericht an die Juden, die soweit geben, daß sie es nicht verschmähen, sogar die Hilfe des gemeinsamen Gegners, des Römers, in Anspruch zu nehmen. Da alles, was möglich ist, auch irgendwann und -wo einmal wirklich sein muß, so mag es auch vorgekommen sein, daß fanatische Juden, wie es z. B. Paulus vor seinem Erlebnis vor Damaskus war, sich auf die Seite der Römer stellten, um Juden-Christen zu verderben. Der Haß gegen die Abtrünnigen ist ja immer besonders stark. Wenn die Darstellung der Evangelisten besonderes Gewicht darauf legt, daß Jesus von den Juden als „Sohn Gottes" verurteilt worden ist, so liegt dem die Tatsache zugrunde, daß gerade für rechtgläubige Juden der alten Zeit, die in der Idee des irdischen Messiasreiches lebten, ein gekreuzigter Davidssohn das schlimmste Ärgernis darstellte. „Die Juden haben Jesus verraten, die Römer haben ihn gemordet" ist eine Behauptung, die nur noch von dem aufrecht erhalten werden kann, der sich gegen die geschichtlichen Tatsachen verschließt Jeder, der die Menschheit in der Art Jesu von innen heraus erneuern will, muß zunächst von ihr ausgestoßen werden. Die Form, in der das geschieht, ist nach Zeit und Ort verschieden. Es heißt die Tatsachen auf den Kop¥ stellen, wenn man hier von einer Schuld des jüdischen Volkes redet. 288