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Der Morgen · 1931-08-01 · Heft 3 (August 1931) · p. 286

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
7 (1931-1932)
Issue
Heft 3 (August 1931)
Article
Der Prozeß Jesu im Lichte der neuesten Forschung
Date
1931-08-01
Page
286 (sequence 11)
Language
German
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Walter v. Hauff Die sogenannte Leidensgeschichte ist das anschaulichste und wichtigste Dokument für diesen Kampf zwischen Juden und Christen, besonders Judenchristen, wie er sich bald nach dem Tode Jesu von Nazareth abspielte- Die Jünger, die den Meister noch gekannt hatten, wußten über die Vorgänge vor dem Hohepriester und dem Prokurator nichts zu berichten, weil eben nichts zu berichten war. Es ist aber selbstverständlich, daß in den christlichen Gemeinden immer wieder gefragt wurde: „Wie hat sich Jesus in den letzten Stunden seines Lebens verhalten?" Diese Lücke im Leben Jesu wurde nun vom einseitig christlichen Standpunkt aus auf Grund dessen, was man erlebte, ausgefüllt. Setzen wir an die Stelle von Jerusalem eine römische Provinzstadt mit einflußreicher jüdischer Bevölkerung, an die Stelle des Pilatus den römischen Lokalrichter, an die Stelle der Hohepriester und Ältesten die Leiter der jüdischen Gemeinde und an die Stelle von Jesus einen Christ gewordenen Juden, so haben wir die Vorlage für die überaus anschauliche und dramatische Darstellung der Leidensgeschichte, in der ein Einzelfall zu einem Typus umgestaltet wird. So entstand die Legende, der für das Leben Jesu keinerlei geschichtlicher Wert zukommt In der Leidensgeschichte lernen wir daher nur Juden kennen, die es im Sinn ihrer Religion nicht sind, soweit sie als Ankläger Jesu auftreten. Ihr ganzes Benehmen steht nicht nur zum Buchstaben, sondern auch zum Geist des Gesetzes im schärfsten Widerspruch. Je jünger der Bericht ist, um so schlechter werden die Juden gemacht. Bei Johannes hat man die reinen „Satane"' vor sich. Der Verfasser des Johannes-Evangeliums beschreibt uns eine ganz gemeine Kampfesweise von Juden gegen Christen mit Hilfe römischer Beamten, die gegen ihren Willen zu Henkern werden. Es handelt sich offenbar um eine Zeit oder um Herrschaftsgebiete des römischen Reiches, wo das Christentum an sich nicht als Staatsverbrechen angesehen wurde, wo auch Christen, wie der bekannte Brief Trajans an Plinius vorschlägt, nicht aufgesucht wurden, sonrdern nur auf eine Anzeige hin, die aber nicht namenlos sein durfte, verhört,, und, wenn sie staatsgefährlich erschienen, bestraft wurden. Wenn wir vor allem den Bericht des Johannes-Evangeliums zugrunde legen, bekommen wir etwa folgendes Bild eines Christenprozesses: Juden wollen einen Christen vernichten, obwohl er eine in jeder Hinsicht ehrenwerte Persönlichkeit ist Um sich nicht des Mordes schuldig zu machen, beschließen sie. sich der römischen Gerichtsbarkeit zu bedienen. Zu diesem 286

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