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Der Morgen · 1931-08-01 · Heft 3 (August 1931) · p. 285

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
7 (1931-1932)
Issue
Heft 3 (August 1931)
Article
Der Prozeß Jesu im Lichte der neuesten Forschung
Date
1931-08-01
Page
285 (sequence 10)
Language
German
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Der Prozeß Jesu im Lichte der neuesten Forschung Fragen wir uns nun auf Grund unsrer kulturgeschichtlichen Kenntnisse der Zeit Jesu, wie sich der Prozeß vor der römischen Behörde abgespielt haben kann, so erhalten wir ein ganz anderes Bild als das von den Evangelisten gezeichnete. Bei Pilatus wird ein eigentliches Verhör kaum stattgefunden haben. Wozu? Daß Jesus als König begrüßt worden war, genügte vollständig, um so mehr, als er sich die Huldigung hatte gefallen lassen. Nur in dieser Form paßt die ganze Sache auch zu dem Charakter eines Pilatus. Ein so brutaler Mensch, für den das Leben eines galiläischen Handwerkers nicht mehr bedeutet als das eines Hundes, macht wegen eines solchen Prozesses, der so klar liegt, keine Bewegung, die nicht unbedingt nötig ist In der Zeit des Passahfestes schon gar nicht In der Urgemeinde war über den Prozeß Jesu nichts bekannt, weil nichts darüber zu sagen war. Es handelte sich um eine ganz kurze von Kaiphas unterschriebene Akte, auf Grund deren Pilatus das Todesurteil aussprach. So war der Phantasie Tür und Tor geöffnet Aber der ganze Hergang des Prozesses Jesu braucht trotzdem nicht frei erfunden zu sein, er mag auf geschichtlich einwandfreien Tatsachen beruhen. Welche geschichtlichen Vorgänge sind es nun, mit denen man die Lücke im Leben Jesu ausfüllte? Bald nach dem Tode Jesu wurden die Gegensätze zwischen einem Teil der Juden und einem Teil der Christen sehr scharf. Wir sehen das aus der Steinigung des Stephanus, die sich in Abwesenheit des Prokurators nach Art der Lynchungen im Widerspruch mit den römischen Bestimmungen vollzog, wir sehen es noch mehr an der systematischen Christenverfolgung, die uns durch die Teilnahme des späteren Apostels Paulus bezeugt ist Soweit sich das Christentum im Rahmen des Judentums hielt, wie wir dies in sehr weitgehendem Maße bei der Urgemeinde in Jerusalem beobachten können, ließen sich die Schwierigkeiten auf Grund von Entgegenkommen auf beiden Seiten lösen. Sobald aber das Christentum als selbständige Religion auftrat, die unabhängig von den Gebräuchen der Juden, unabhängig vom Gesetz die Welt erobern, mehr noch, die Welt überwinden wollte, wofür Paulus mit der ganzen Wucht seiner Persönlichkeit eintrat, dann mußte es zunächst einen Kampf auf Leben und Tod geben. 2S5

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