Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 3 (August 1931)
- Article
- Der Prozeß Jesu im Lichte der neuesten Forschung
- Date
- 1931-08-01
- Page
- 284 (sequence 9)
- Language
- German
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Walter v. Hauff kröne und dem roten Soldatenmantel bekleideten Jesus heraas und sagt zu den „Juden": „Da ist der Mensch!" Man stelle sich einen Prokurator vor, der einen Gefangenen geißeln läßt, ihn dann den Soldaten übergibt, die ihn als König aufputzen und ihn dann seinen Anklägern in diesem Aufzug vorstellt, um sich von ihnen wieder überschreien zu lassen. Noch einmal sagt ihnen Pilatus: „Nehmt Ihr ihn doch und kreuzigt ihn! Ich finde ja doch keine Schuld an ihm." Er würde sich geradezu lächerlich gemacht haben, wenn er das den Juden gar auch noch zweimal im Ernst gesagt hätte. Und nun erst die Antwort der „Juden": „Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz muß er sterben, weil er sich zum Sohn Gottes gemacht hat" Können wir uns einen Prokurator denken, der alles über sich ergehen läßt, ohne die Geduld zu verlieren? Statt daß aber nun endlich erzählt wird, Pilatus habe die Ankläger durch seine Büttel wegjagen lassen, heißt es, er sei noch mehr erschrocken, als er das gehört habe. Wovor erschrak Pilatus? Vermutlich will der Evangelist sagen, daß Pilatus von Angst vor Jesus erfaßt wurde. Darauf deutet die Frage, die er an ihn richtet: „Woher kommst Du?" nämlich: „Kommst Du von der Erde oder vom Himmel?" Der Leser weiß, wie der Evangelist die Frage beantwortet haben will, darum spart dieser sich die Antwort Ihm handelt es sich darum zu sagen: „Alles ging nach dem Willen Gottes. Jesus ist und bleibt ein König, er bleibt trotz aller Erniedrigung der unendlich Erhabene." Schließlich entwaffnen die „Juden" den Prokurator durch den Ausspruch: „Wenn Du den frei läßt, bist Du kein Freund des Kaisers. Jeder, der sich zum König macht, widerstrebt dem Kaiser." Jetzt setzt sich Pilatus auf den Richterstuhl, um das Urteil zu sprechen. Vergeblich bemühen wir uns, uns diese Szene wirklich vorzustellen. Die Juden, die in ständiger Furcht vor Pilatus leben, sollen ihm gesagt haben, er sei kein Freund des Kaisers, wenn er einen der Ihren nicht ans Kreuz schlagen läßt, weil er ihn für unschuldig hält? Ohne ihre Anklage auch nur im mindesten rechtsgiltig zu belegen, verlangen sie, daß Pilatus ihnen den Willen tut? Er windet und dreht sich wie ein Kind, das Ausflüchte sucht, und da wird ihm schließlich der schlimmste Vorwurf, den man einem römischen Beamten machen kann, ins Gesicht geschleudert, seinem Kaiser einen Gegenkönig sich gegenüberstellen zu lassen? Verkehrte Welt! Pilatus tritt für den Messias ein, die „Juden", unter der Führimg der Oberpriester und der Mitglieder des Hohen Rats, treten für den römischen Kaiser ein. 284