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Der Morgen · 1931-08-01 · Heft 3 (August 1931) · p. 283

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
7 (1931-1932)
Issue
Heft 3 (August 1931)
Article
Der Prozeß Jesu im Lichte der neuesten Forschung
Date
1931-08-01
Page
283 (sequence 8)
Language
German
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Der Prozeß Jesu im Lichte der neuesten. Forschung bühne gestanden haben, so -war das nur ein kleiner Teil des ganzen Volkes. Aber es wird kurzerhand gesagt: „Das ganze Volk hat geschrien: Sein Blut komme über uns und unsre Kinder! So hat es das ganze Volk gewollt, Also ist es eine Bande von Mördern schlimmster Sorte. Judas, das Weib des Pilatus, der Prokurator selbst, alle haben ihr Möglichstes getan, um die Unschuld Jesu zu erweisen, aber das Volk wollte sein Blut Mit vollem Bewußtsein hat es die Verantwortung auf sich genommen." Am eingehendsten und dramatischsten ist die Schilderung des Verhörs vor Pilatus im Johannesevangelium (18,28 ff.). Hier sind es einfach „die Juden", die Jesus zum Prokurator bringen und verklagen. Die Verhandlung spielt sich aber im Innern ab, und so geht Pilatus zwischen den „Juden" und Jesus hin und her. Sehr sonderbar, daß Pilatus selbst diese Verbindung herstellt Zunächst fragt er nach der Anklage. Er bekommt eine recht unhöfliche Antwort: „Wenn er kein Verbrechen begangen hätte, würden wir ihn Dir doch nicht übergeben haben." Es soll also geglaubt werden, daß von Pilatus die „Juden" verlangen, er solle ein Todesurteil fällen, ohne zu wissen warum, einfach weil Jesus nach ihrer Meinung den Tod verdient hat Fragen verbitten sie sich, Pilatus antwortet: „Nehmt Ihr ihn doch und richtet ihn nach Eurem Gesetz!" worauf die „Juden" entgegnen, sie hätten nicht das Recht, jemand hinzurichten. Als ob Pilatus das nicht selbst wüßte! Unverrichteter Sache geht Pilatus wieder hinein zu Jesus und sagt ihm auf den Kopf zu: „Du bist der Juden König!" Die Frage des Lesers, woher er denn das weiß, da die „Juden" jede Auskunft verweigert haben, stellt auch Jesus, indem er sich erkundigt, ob Pilatus das von sich aus wisse, oder ob andere es ihm gesagt hätten. Es ist kein Wunder, daß Pilatus jetzt ungeduldig wird. Merkwürdig ist nur, daß er die Frage beantwortet Sonderbar genug mit den Worten: „Ich bin doch kein Jude. Dein Volk hat Dich mir übergeben. Was hast Du verbrochen?" Jesus erklärt nun, inwiefern er ein König sei. Pilatus geht wieder hinaus und sagt den „Juden", er finde keine Schuld an Jesus und. schlage deshalb vor, ihn zum Fest frei zu lassen. Davon wollen aber die „Juden" nichts wissen. Nun läßt Pilatus Jesus geißeln. Weshalb er den Soldaten die Freiheit läßt, Jesus zu verspotten, sehen wir nicht ein. Es ist bekannt, daß die Verbrecher auf dem Weg zur Richtstätte verhöhnt wurden. Hier aber, vor den Augen des Prokurators, der dadurch aufgehalten wird, können wir uns die Szene unmöglich denken. Noch unmöglicher wird das Folgende: Pilatus führt den mit der Dornen- 283

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