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Der Morgen · 1931-08-01 · Heft 3 (August 1931) · p. 281

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Journal
Der Morgen
Volume
7 (1931-1932)
Issue
Heft 3 (August 1931)
Article
Der Prozeß Jesu im Lichte der neuesten Forschung
Date
1931-08-01
Page
281 (sequence 6)
Language
German
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Der Prozeß Jesu im Lichte der neuesten Forschung Der Vorgang hat sich demnach folgendermaßen abgespielt: Jesus wird in der Nachl verhaftet und am Morgen kurz verhört Kaiphas ordnet nach Rücksprache mit Hannas und wohl auch einigen andern die Übergabe an Pilatus an. Hierfür wird er die Verantwortung nicht allein getragen haben; denn es war, immerhin etwas Schwerwiegendes, wenn ein Volksgenosse den Römern übergeben wurde. Die Allgemeinheit konnte sagen: „Wartet doch, bis ihn die Römer holenI" In der Frühe des Tages, an dem abends das Passah beginnt, wird Jesus von Polizeisoldaten 2u Pilatus gebracht Wie der in den Akten das Wort König liest, spricht er das Todesurteil, das auch unmittelbar vollstreckt wird. Zu den zwei bereits Verurteilten kommt ein dritter. Es ist ganz gut, wenn die Hunderttausende von Pilgern, die in Jerusalem zusammengeströmt sind, an den Kreuzen sehen, daß die römische Behörde auf dem Posten ist Statt diese einfachen schlichten Tatsachen zu berichten, lassen die Evangelisten auf die ganz unmögliche jüdische Gerichtssitzung noch eine römische folgen, die ebenso unmöglich ist, bei der die Juden eine Rolle spielen, die aller Geschichte Hohn spricht, und bei der das jüdische Volk ethisch auf das schwerste belastet wird. Nach den Synoptikern gehen alle Hohepriester, Ältesten, Schriftgelehrten und der ganze Hohe Rat mit dem gefesselten Jesus zu Pilatus, um ihn zur Bestätigung des Todesurteils zu veranlassen. Wenn wir bedenken, was für Männer die Hohepriester und Mitglieder des Hohen Rats waren, so erscheint es uns als eine Unmöglichkeit, daß sie Jesus nach Art eines lärmenden Volkshaufens, der einen Verbrecher auf frischer Tat ertappt hat, zum Richter schleppen. Sie hätten bei den vielen feinen und vergeistigten Juden, die wir unter den Pharisäern und Sadduzäern finden, jede Achtung verloren. Sodann erzählen alle vier Evangelisten, es sei Brauch gewesen, daß der Prokurator dem jüdischen Volk zum Passahfest einen Gefangenen nach seiner, des Volkes Wahl, freigegeben habe. Wir wissen sonst von diesem Brauch nichts, und es sprachen die allerstärksten sachlichen Gründe dagegen. Wir können nicht annehmen, daß die Römer den allezeit zu Aufständen neigenden Juden eine solche Waffe in die Hand gegeben haben sollten. Wie wenig die Evangelisten über die politischen Verhältnisse zur Zeit Jesu unterrichtet sind, zeigt uns der Umstand, daß der Gefangene, den Pilatus nach ihrem Bericht freigibt, ausgerechnet ein Aufrührer gewesen sein soll, bei dessen Aufruhr auch noch ein Mord vorkam (Markus i5, 7). 281

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