Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 3 (August 1931)
- Article
- Der Prozeß Jesu im Lichte der neuesten Forschung
- Date
- 1931-08-01
- Page
- 277 (sequence 2)
- Language
- German
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Walter v. Hauff: Der Prozeß Jesu im Lichte der neuesten Forschung Das war nichts Neues, wie es überhaupt keinen einzigen Ausspruch Jesu gibt, der in der rabbinischen Literatur nicht seine Vorlage hat Neu war bei Jesus nur die ganze Art, die gewaltig auf die Massen wirkte. Als er nun zum Passahfest nach Jerusalem zog, wurde er zum Mittelpunkt einer immer wachsenden Pilgerschar, die schon in Jericho so groß war, daß die Leute auf die Bäume klettern mußten, um ihn zu sehen. Und als er vom ölberg ins Kidrontal hinabstieg, brach die Begeisterung los, und er wurde mit einem alten Königslied begrüßt, von dem der Kehrreim noch erhalten ist Hosianna! Gesegnet sei mit dem Namen des Herrn, der da kommt! Gesegnet sei das Reich unsres Vaters David, das da kommt! Hosianna! Weder den jüdischen, noch den römischen Polizisten konnte der Vorgang verborgen bleiben. Sie behielten den galiläischen Handwerker, der sich so rasch die Liebe des Volkes erworben hatte, im Auge. In den Hallen um den Tempel lehrte er in seiner Art, die in geistigen Dingen keine Kompromisse kannte. Es zeigte sich, daß er gänzlich unpolitisch war; aber der Hohepriester Kaiphas hatte allen Grund, vorsichtig zu sein. Der römische Prokurator Pontius Pilatus war ein ebenso taktloser wie brutaler Mensch, der als reiner Materialist die gesetzestreuen Juden für verrückte Fanatiker hielt, denen er ihre Dummheiten am liebsten mit dem Knüppel ausgetrieben hätte. Daß er zum Passah von Cäsarea in das mehr als überfüllte, ihm an sich schon verhaßte Jerusalem kommen mußte, um etwaige Unruhen im Keim zu ersticken, verdarb ihm die Laune von vornherein. Er neigte dazu, seine Befugnisse zu überschreiten. Kaiphas war ein überaus geschickter Diplomat, der nach dem Grundsatz handelte, von zwei Übeln immer das kleinere zu wählen, und der auch vor Opfern nicht zurückschreckte. Es war nach seiner Meinung besser, wenn man einen Menschen preisgab, auch wenn er unschuldig war, als daß man denn grausamen und bestechlichen Prokurator Gelegenheit gab, die Soldaten, bei denen das Schwert immer locker saß, einhauen zu lassen. Dazu kam, daß ihm ein Mann aus dem Volk, der solchen Zulauf hatte, unmöglich angenehm sein konnte. Wozu waren denn die Priester und Schriftgelehrten da? Es war wahrhaftig nicht nötig, daß sich die Handwerker um Theologie und Juristerei kümmerten. Es lag nahe, Jesus einfach von der Tempelwache verhaften zu lassen. 277