Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 3 (August 1931)
- Article
- Der Prozeß Jesu im Lichte der neuesten Forschung
- Date
- 1931-08-01
- Page
- 276 (sequence 1)
- Language
- German
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Der Prozeß Jesu im Lichte der neuesten Forschung Von Walter v. Hauff Nach der herrschenden Meinung, die im Religions- und Geschichtsunterricht gelehrt wird und sich seihst noch in wissenschaftlichen Werken findet, hahen die Juden ihren Größten verraten und verkauft, den Römern ausgeliefert Der Fluch, den das Volk über sich seihst gesprochen hat: „Sein Blut komme über uns und unsre Kinder!" lastet mit Recht bis zum heutigen Tag auf ihm. Und doch ist von dem allem nicht ein Wort haltbar. Wenn wir den Prozeß Jesu im Rahmen der Zeitgeschichte betrachten, so wundern wir uns, daß sich solche Irrtümer so lange behaupten konnten. Für die Darstellung des Prozesses Jesu sind wir ausschließlich auf die Evangelien angewiesen. Die berühmte Stelle bei Josephus ist heute umstrittener denn je. Wir können uns aber in der Hauptsache ein durchaus sicheres Urteil bilden, wenn wir das zu Hilfe nehmen, was wir aus aramäischen, römischen und griechischen Quellen über die Verhältnisse zur Zeit Jesu und die im Prozeß handelnden Persönlichkeiten wissen. Jesus ging aus den „Stillen im Lande" hervor, ruhigen, in sich gekehrten Leuten, die als Handwerker, Bauern oder Fischer ihrer Arbeit nachgingen und dabei der durch die Propheten geweissagten Erlösung harrten. Jesus kannte das Alte Testament und seine Auslegung durch die Rabbinen von Grund aus* doch war er kein Schriftgelehrter. Er spricht rein intuitiv mit einer ihm eigenen unmittelbaren persönlichen Sicherheit Er sah vor sich die Masse des Volkes, die ihm elend und verkommen erschien wie Schafe ohne Hirten. In dieser Masse entdeckte er eine Fülle der wertvollsten Kräfte. Er kam zu der ebenso einfachen wie ihm unwiderleglich erscheinenden Erkenntnis, daß alles von den Menschen verursachte Übel verschwinden muß, wenn der Gedanke der Familie in allen lebendig ist Sieht jeder in Gott seinen Vater, in dem, der ihn braucht, Bruder und Schwester, regiert statt des Hasses die Liebe, so ist das Gesetz erfüllt, 276