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Der Morgen · 1931-08-01 · Heft 3 (August 1931) · p. 221

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
7 (1931-1932)
Issue
Heft 3 (August 1931)
Article
Die große Krise
Date
1931-08-01
Page
221 (sequence 11)
Language
German
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Die große Krise. Das Geschlecht oh$e Gott tisch abgeschlossen von jeder Religion. Er hört nichts von ihr, weder im guten noch im bösen Sinne. Wie sollte man es anfangen, ihm Judentum oder Christentum nahezubringen oder ihm überhaupt nur klar zu machen, was es damit auf sich habe? Er hätte ja gar kein Erlebnis, gar keine Erfahrung aufzuweisen, woran man anknüpfen könnte. Wen könnte man heute denn überhaupt noch zum Christentum oder zum Judentum bekehren? Neger, Eskimos, Südseeinsulaner. Die horchen noch auf, wenn von Gott die Rede ist Für sie ist es Glück und Befreiung, Kunde vom obersten Gebieter aller Geister und Dämonen zu erhalten und von dem unter eine hohe sittliche Idee gestellten Bekenntnis zu ihm, das sie erlöst aus der Abhängigkeit von den unteren Instanzen im Reich des Übermenschlichen, denen sie nichts anderes zutrauen als grausame Willkür. Auch bei uns konnte man nicht umhin, an Gott zu glauben, solange man nicht wagte, an der Existenz von Geistern und Teufeln zu zweifeln. Aber mit dem Glauben an Gespenster, Hexen und Teufel verdorrte bei uns auch der Glaube an den einen allmächtigen Gott, der seine Gläubigen vor diesen Mächten der Tiefe schützt Die meisten unter uns haben keine Religion mehr, sondern höchstens Religionsphilosophie. Die religiösen Genies der Vergangenheit erblickten zu allen Zeiten ihre Mission darin, die naturhafte, am Boden und an der Materie klebende Religion zu vergeistigen. Heute muß unsere Sehnsucht sein, zu den lebensstarken, naturhaften Fundamenten der Religion zurückzufinden., JDie Propheten des alten Bundes, die Elia und Arnos, die Hosea, Micha und Jesaja fühlten sich berufen, den Jahweglauben zu veredeln und sprachen den hohen Gedanken aus, der wahre Gottesdienst beruhe auf der Sittlichkeit, in der Gesinnung und in der Tat Ihre Todfeindschaft galt dem Baalsdienst als dem Inbegriff alles kultischen Prunks und alles heidnischen Zaubers, aber hätte es keinen „Baalsdienst" gegeben, der das Göttliche so fest im Alltagsleben verwurzelte, dann hätten die Propheten niemals vom geläuterten Jahweglauben künden können. Nur weil gleichsam der religiöse Rohstoff, die Materie, vorhanden war, konnten diejenigen Gehör finden, die diese Materie mit Geist, mit einer höheren IdeQ erfüllen wollten. Für Jesus von Nazareth, dessen Gotteslehre für Abermillionen der Inbegriff einer entmaterialisierten Religion eines Glaubens im Geist wurde, war die Welt erfüllt von feindlichen Geistern und Dämonen. Luther, für den es feststand, daß der einzige Weg zu Gott seine rein geistige Erfassung im Glauben sei, daß kein „leiblich Ding", kein Verweilen an „heiligen Stätten", kein „Umgehen mit heiligen Dingen" den Menschen „fromm und frei" machen 221

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