Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 3 (August 1931)
- Article
- Die große Krise
- Date
- 1931-08-01
- Page
- 220 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Hermann Funke ist, würde man heute nur zu bereitwillig sein Leben aufbauen, wenn man sich überhaupt nur unter Gott etwas Konkretes vorstellen, wenn man das Göttliche nur einmal greifbar nahe spüren könnte, wenn man nur einen religiösen Erfahrungsschatz besäße. Wir können ihn heute nicht mehr sammeln. Die Menschen früherer Zeiten konnten es. Sie waren imstande, sich eine Anschauung von der Macht des Göttlichen zu erwerben, weil es ihnen täglich in tausenderlei Gestalt entgegentrat. Aber wir? Weil es uns so oft gelungen ist, die Naturkräfte für unsere Zwecke dienstbar zu machen, (wobei wir doch nur ihre Wohnungen aufspürten und ihnen absahen, wie sie sich „räusperten und wie sie spuckten"), ist die ganze Welt für uns nur noch ein großer Werkzeugkasten, aus dem wir herausnehmen, was wir brauchen, dem niemals eine höhere Bestimmung zugedacht sein kann, als von uns nach Kräften ausgenutzt zu werden. Wir kennen gegenüber den Dingen um uns nur noch das stolze Gefühl des Gebieters und Besitzers, aber niemals mehr die Demut des Primitiven. Wir glauben zwar nicht, Wesen, Ursprung und Zweck der Dinge und der ihnen innewohnenden Kräfte ergründet zu haben — das behauptet von uns nur zuweilen vorwurfsvoll dieser und jener Theologe. Aber wir können einfach nicht mehr ernstlich danach fragen, wir können nicht mehr ein Problem und ein Geheimnis darin sehen. Und ein zweites kommt noch hinzu: Durch die intensive Beschäftigung mit den Naturkräften, jener Sphäre, in der die größten Triumphe zu winken schienen, hat man das Gefühl dafür verloren, daß auch noch andere Kräfte in der Welt wirksam sind, die geistigen Kräfte der Idee und der Persönlichkeit Die Jünger Jesu stellten noch die Kraft der gotterfüllten Persönlichkeit über die Naturkraft Wer die Tausende so in den Bann seiner Predigt ziehen könnte, wer den geistigen Wettstreit mit den höchsten Würdenträgern der Nation im Tempel vor versammeltem Volke so wenig zu scheuen brauchte, dem war, meinten sie, es auch blindlings zuzutrauen, daß er dem Sturm ge-r bieten und Wasser in Wein zu verwandeln vermöge. Wir können von solchem Glauben nur vernehmen und in verständnisloser Resignation das Haupt schütteln. Denn nichts ist uns heute fremder, nichts liegt uns ferner als die Welt der religiösen Erfahrung. Man stelle sich doch einmal einen Fall vor, der heute durchaus im Bereich des Möglichen liegt: Ein junger Mensch wächst in unkirchlicher Familie, in konfessionsloser Schule heran, also herme- 220