Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 3 (August 1931)
- Article
- Die große Krise
- Date
- 1931-08-01
- Page
- 219 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Die große Krise. Das Geschlecht ohne Gott schrecklichen wörtlichen Bedeutung gemeint, sprechen wir das große Wort aus, daß der leibhaftige Teufel im Spiel war. Wir lachen, wenn wir von Medizin-, männern und Hexen hören (dabei wurde die letzte in Mitteleuropa vor noch nicht anderthalb Jahrhunderten verbrannt), die reine und bekömmliche Speisen durch Beschwörungsformeln in verderbliches Gift verwandeln konnten: Wie sollte ohne materielle Einwirkung die chemische Zusammensetzung eines Stoffs verändert werden können? Wir haben den Sinn für das Wunderbare verloren. Wir haben das Schlagwort von den „rechten Dingen" erfunden, mit denen alles nicht nur zugehen müsse, sondern auch tatsächlich zugehe. Alles, was darüber ist, wird zusammengefaßt unter den Generalnenner „Aberglaube". Aber hier ist es nötig, einen Augenblick innezuhalten. Wir gingen doch aus von der religiösen Krise der Gegenwart, als deren entscheidendes Symptom wir ein Ohne-Gott-sein erkannten. Aber dieser Gott, zu dem wir Menschen des Abendlandes vergeblich den Weg suchen, ist doch kein Faun und kein Dämon, sondern der Eine überwelüiche Lenker aller Dinge, der angebetet werden soll im Geist und in der Wahrheit Was hat das Aufhören des Glaubens an diesen vergeistigten Gott mit dem Aufhören von Naturreligion, Dämonenfurcht und Aberglauben zu schaffen? Es hat alles damit zu schaffen. Denn: Jede Religion, sie mag noch so versittlicht und vergeistigt sein, braucht^ wenn sie nicht zusammenstürzen soll wie ein Kartenhaus, eine naturhafte Grundlage, die im elementaren religiösen Erlebnis besteht, im Schauer vor dem Geheimnis, vor undurchleuchteten Kräften und Zusammenhängen. Und diese Grundlage fehlt uns heute. Es ist ja schon längst von Unzähligen richtig beobachtet worden, daß die religiöse Krise unseres Zeitalters im engsten Zusammenhang steht mit dem triumphalen Siegeszug der Naturwissenschaften, der ein die Jahrtausende hindurch wesentlich unverändertes Weltbild in unfaßlicher Weise umgestürzt hat Aber das Entscheidende in diesem Zusammenhang zwischen religiöser Krise und dem neuen Weltbild und Weltgefühl hat man doch kaum je genau beobachtet, zumindest nie gebührend betont Das Entscheidende liegt ja nicht darin, daß man auf den Gedanken kommen konnte, mit Darwinscher Evolutionslehre oder mit den Theorien von Molekülen und Elektronen sei etwas gegen einen Gott als Schöpfer aller Dinge bewiesen, oder irgendeine Naturwissenschaft der Welt könne etwas aussagen über den Ursprung alles Lebens und aller Kraft Solche Spekulationen sind heute längst überwundene Kinderkrank^ heiten der neuen Zeit Auf dem Gott, der ewiges Recht und ewige Wahrheit 219