Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 3 (August 1931)
- Article
- Die große Krise
- Date
- 1931-08-01
- Page
- 218 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Hermann Funke Naturgeistern und Dämonen, denen er sich bedingungslos unterworfen fühlt, und deren Macht er täglich sieht, verhalten soll, um ihren Zorn zu meiden und. sich ihre Gunst zu sichern. Für uns ist die Welt restlos entgöttlicht. Wir haben keinen Gott des Donners und des Blitzes. Wenn wir nach dem Gewitter gefragt werden, so wissen wir ein Langes und Breites von elektrischen Spannungen in der Atmosphäre zu berichten; und durchschauert es uns doch einmal, wenn die Elemente entfesselt sind, dann schämen wir uns der Überreiztheit unserer Nerven. Ein religiöses Erlebnis haben wir jedenfalls nicht gehabt Wir kennen keinen Gott der Fruchtbarkeit, wir denken nicht daran, von Priestermund unsern Acker mit Zaubersprüchen segnen zu lassen und ihn mit Fetischen und Götterbildern zu umschreiten, um ihn ertragreich zu machen. Davon ist höchstens etwas in diesem und jenem, heute im Absterben begriffenen Volksbrauch erhalten. Uns scheint, daß der Boden, wenn viel auf ihm wachsen soll, dringender als allen Zauber Kali und Stickstoff nötig hat — aber den müssen wir selbst dazutun — und daß er ferner einen glücklichen Wechsel von Regen und Sonnenschein braucht; aber da gibt es keinen Gott des Regens und keinen Sonnengott, die uns beide gnädig sein müssen, damit uns ihre Gaben zum Segen gereichen und nicht zum Fluch. Denn das Wetter, so wissen wir, hängt von Hochs, von Tiefs, von Winden ab, und keine göttliche und keine menschliche Macht kann etwas daran ändern, daß es bei einer bestimmten Konstellation morgen regnet und kalt ist, oder umgekehrt, daß es Wärme undj Sonnenschein gibt Ein unheimlich-bizarr geformter Fels zeigt uns nicht an, daß wir uns an einem geweihten Orte befinden, wo die Gottheit nahe ist, sondern er ist nur ein reizvolles Naturspiel, in seinem Zustandekommen durchaus erklärbar, etwa aus der Gesteinsart, die nachweislich diese und jene chemische Eigenschaft besitzt, oder aus der eigenartigen Lage, bei der die Vorderseite vor Witterungseinflüssen geschützt ist und die Hinterseite nicht Damit haben wir alles „erklärt" und ziehen stolz von dannen. (Und mögen wir dieses Verhalten noch so sehr ironisieren — anders wird es dadurch doch nicht) Wenn wir uns selbst bei einer üblen Handlungsweise ertappen oder wenn eine gute Sache scheitert, ohne daß jemand die Schuld daran trägt, dann sprechen wir etwa von den nun einmal im Menschen vorhandenen natura haft-tierischen Trieben bzw. vom bösen Zufall Aber höchstens im symbolischen Sinn, meist wohl nur in ärgerlichem Scherz, jedenfalls nie ernst und in der 218