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Der Morgen · 1931-08-01 · Heft 3 (August 1931) · p. 217

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
7 (1931-1932)
Issue
Heft 3 (August 1931)
Article
Die große Krise
Date
1931-08-01
Page
217 (sequence 7)
Language
German
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Die große Krise. Das Geschlecht ohne Gott sein, daß er lebt und waltet — unser Hirn kann das noch so oft denken und! unser Mund kann es noch so oft sprechen — Gott wird für uns doch nicht heilige Realität Wir erleben doch nicht den Schauder, der uns anzeigt, daß wir ihm nahe sind. Gott kann uns nicht mehr der große Halt sein, von dem wir wissen, daß er nie versagt Wir bringen es nicht mehr fertig, mit unserer Not vor ihn zu treten, wir können nicht mehr darauf vertrauen, bei ihm Erhörung und Frieden zu finden. Wir spüren nichts mehr von der Wucht seines Waltens, Wir wagen ja nicht einmal, Gott beim Namen zu nennen und helfen uns mit färb- und anschauungslosen Umschreibungen wie das „Absolute", das „Letzte" — aber nicht mit den ehrfürchtigen Gefühlen des frommen Juden, der den Namen Jahwes nicht in den Mund nahm, weil er zu tief von Jahwes Größe und Heiligkeit durchdrungen war, sondern gerade im Gegenteil: Wir gebrauchen die kalte und tote Umschreibung, weil wir fühlen, daß nur diese Blässe des Gottesnamens der Blässe unserer Vorstellung und unseres Erlebens entspricht So sehr ist Gott für uns zum blutleeren Abstraktum geworden. Und das hat seinen tiefsten Grund darin, daß für unser Gefühl das Geheimnis aus der Welt geschwunden ist Wir fühlen uns nicht mehr vom Rätselhaften, Unerforschlichen umgeben, wir sind seines Anblicks entwöhnt, weil wir die Welr nicht mehr als Wohnung und Wirkungsstätte supranaturaler, menschlicher Deutung sich entziehender Kräfte erleben. Das Dämonische, Übernatürliche begegnet uns nicht mehr auf Schritt und Tritt, es reicht nicht mehr wie einst bis an die Schwelle unseres Hauses. Wie ist das zu verstehen? Für den primitiven Menschen ist die ganze Welt gleichsam vergötüicht Das Donnern und Blitzen im Gewittersturm, das er ohnmächtig über sich ergehen lassen muß und das ihn mit seiner Habe und allen Schöpfungen seiner mühseligen Arbeit jederzeit zerschmettern kann, wenn es nur will, oder ein düster emporragendes Gebirgsmassiv, dessen Gipfel sich hoch oben in den Wolken zu verlieren scheint — das majestätische Rauschen eines Baumes, das wie eine Botschaft in übermenschlich weihevoller Sprache klingt, oder nur eine Quelle, die in trockener Einöde aus der Erde sprudelt und Leben und Fruchtbarkeit hervorzaubert — bei all dem packt ihn ein heiliger Schauder, er fühlt sich dem Göttlichen greifbar nahe. Überall, in der belebten Natur wie in der unbelebten, in den Menschen und in den Dingen,} spürt und sieht er es um sich. Es ist für den Primitiven keine spekulative Idee, sondern nichts ist für ihn in höherem Maße reale Gegebenheit Denn das Zentralproblem seines Lebens ist die Frage, wie er sich zu diesen 217

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